Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

Erinnern, lernen, forschen am historischen Ort

Sie sind hier

Rubinčik Pavel

Rubinčik Pavel

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
Minsk
Beruf 
unbekannt
Unterbringung/Inhaftierung 
Minsker Ghetto
Schicksal 
Rettung durch Flucht zu den Partisanen
Berichtsart 
Familiengeschichte

Der Kriegsbeginn

Die Familie Rubinčik wurde vom Krieg ganz unerwartet überrascht. Gerade zu seinem Beginn befand sich der dreizehnjährige Pavel in einem Pionierlager in der Umgebung von Minsk. Seine Mutter erholte sich in einem Sanatorium in Jessentuki, und der Vater hielt sich dienstlich in Leningrad auf. Pavel Markovič Rubinčik kann sich noch heute an die ersten Kriegstage in allen Details erinnern: »Nichts konnte unseren friedlichen Lebensablauf am 22. Juni stören. Es war aber auffallend, dass das männliche Lagerpersonal am Abend des 22. Juni auf einmal verschwand und am Morgen des 23. Juni nicht mehr zu sehen war. In der Nacht wurde mein Freund Leonid von seiner Mutter mit einem Regierungswagen »SIS-101« angeholt. Er sollte ins Zentralpionierlager »Artek« an die Krimküste fahren. Leonid war der Sohn des Volkskommissars für Bauwesen in der BSSR. [...] Am 24. Juni sahen wir viele Flugzeuge mit Kreuzen auf ihren Flügeln. Seltsam waren auch die Menschenströme auf allen Straßen und Wegen sowie auffallende ungeordnete Bewegung sowjetischer Truppeneinheiten in allen Richtungen. Am Nachmittag wurden wir im Speiseraum zusammengebracht, und die Lagerleiterin gab uns von dem Beginn des Krieges gegen das faschistische Deutschland bekannt. Sie erzählte weiterhin, dass unsere rumreichen Truppen schon bei Warschau kämpften. Die Kinder meines Alters jubelten und empfingen die Nachricht mit Hurra-Geschrei. Die etwas älteren Mädchen, deren Väter an der Grenze dienten, vergossen ihre stolzen Tränen. Am 25. Juni früh am Morgen kamen die ersten Flüchtlinge ins Lager. Das waren unsere Eltern. Sie nahmen ihre Kinder und begaben sich in östlicher Richtung entlang der Autostraße Minsk-Moskau.« http://interlibrary.narod.ru/GenCat/GenCat.Scient.Dep/GenCatHisdoc/Bookalive/9020000093/9020000093.htm Pavel Rubinčik hatte Glück, denn er wurde von den Eltern seines Schulfreundes Peter Golomba mitgenommen. Er erinnert sich an den Fluchtweg nach Moskau wie folgt: »Alle Straßen und Wege waren von fliehenden Menschen überfüllt. Überall lagen weggeworfene Sachen herum, denn man hatte keine Kraft sie mitzuschleppen. Wir sollten deswegen über allerlei Koffer und Gepäck immer wieder überschreiten und uns dann weiterschleppen. Manchmal hörten wir MGs knallen, dann stürzte sich der Menschenhaufen vom Grauen gepackt zur Seite. Wenn die Flugzeuge weg waren, sahen wir viele Leichen an den Straßenrändern herumliegen. Das waren die ersten Opfer, die ersten ermordeten Frauen, Männer und Kinder dieses Krieges, die ich gesehen habe.« (Krapina M.I., Kurdadze T.S., Murachovskij Ja.M., Rejzman F.B., Trachtenberg V.L.: My pomnim! Miru pomnit' saveščaem …, Minsk 2012, S. 97) Bald wurden alle möglichen Fluchtwege von den deutschen Truppen abgeschnitten. Pavel Rubinčik war gezwungen, am 27. Juni mit der Familie seines Freundes in Minsk zurückzukehren. Die Stadt war noch nicht besetzt, doch viele Bauten lagen in Trümmern, darunter auch das Elternhaus. Sein Obdach fand er bei den Verwandten seiner Mutter.

Nach dem Erlaß der deutschen Kommandantur, dass alle Juden ins Ghetto kommen sollten, begab sich Pavel mit seinen Großeltern in eine kleine Ortschaft Ostrošizkij Gorodok bei Minsk. Sie erhofften ruhiges Leben in diesem Flecken, blieben dort aber nicht lange. Bald erfuhren sie vom Misshandeln der Juden in Nachbarortschaften und kehrten in Minsk zurück. Sie dachten, dass es zu Massenvernichtungsaktionen an Juden in einer Großstadt nicht kommt. Ihre Verwandten versteckten den kleinen Pavel im Kellerraum und schickten ihn bald darauf ins Kinderheim im Minsker Vorort Ždanoviči unter dem fremden Namen Matusevič. Er bleib aber dort nicht lange, denn man entdeckte seine jüdische Herkunft und verschleppte ihn ins Ghettokinderheim.

http://interlibrary.narod.ru/GenCat/GenCat.Scient.Dep/GenCatHisdoc/Bookalive/9020000093/9020000093.htm

Das Leben im Minsker Ghetto

In Pavels Erinnerungen bleibt dieses Heim mit seiner Kälte, mit Hunger und unüberwindlichem Gestank fest eingeprägt. Dort wurde er beauftragt, gestorbene Kinder zum jüdischen Friedhof auf dem Ghettoterritorium zu bringen. Anfang November war Pavel Rubinčik einmal unterwegs von Friedhof und bemerkte, dass der Ghettoteil mit seinem Kinderheim von der Polizei umringt wurde. Er floh dann zu seinen Familienfreunden namens Deulej. Er wurde dort von dem Familienhaupt Gregorij empfangen. Seine Frau und die Kinder schickte Gregorij Deulej rechtzeitig in einen anderen ruhigeren Stadtteil. Pavel überlebte den Pogrom am 7. November 1941, denn Gregorij Deulej gab ihn für seinen Sohn aus und war selber durch seinen Spezialistenausweis vor Verfolgung einigermaßen geschützt.

Im Weiteren wurde Pavel Markovič Zeuge mehrmaliger Strafaktionen im Ghetto, wodurch sein Territorium immer zusammenschrumpfte. Während einer solchen Aktion wurde er festgenommen und mit anderen Gefangenen auf das Gelände der deutschen »Gewehr-und-Waffenwerkstatt« gebracht. Dort gerieten sie in die Baracken hinter dem Stacheldrahtzaun. Pavel Rubinčik war beauftragt den Wohnraum in Ordnung zu halten sowie beschädigte Schusswaffen auseinanderzulegen. Von seinem Aufseher erhielt er außerdem Kochgeschirr, das er zu spülen hatte. Beim Spülen aß er die Speisereste, welche ihn vorm Hungertod retteten. Bald begann man die Häftlinge aus der Waffenwerkstatt ins Ghetto zu bringen. Bei einem solchen Transport begegnete Pavel dem Sohn von Gregorij Deulej – Emmanuil. Als er von Pavels Rubinčik Arbeitsstätte erfuhr, schlug er sofort vor mit Widerstandskämpfern zusammenzuarbeiten. Pavel Markovič erhielt gleich den Auftrag, Waffenersatzteile, einen selbstgefertigten Stutzen und eine Pistole für sich selbst zu verschaffen. Pavel erfüllte diese Aufgabe, wobei er sein Leben jeden Tag riskierte. Ende August 1943 informierte Emmanuil ihn von der Fluchtmöglichkeit, er sollte von einer Begleiterin zu Partisanen aus dem Ghetto gebracht werden.

Die Flucht aus dem Minsker Ghetto

Mit Ungeduld wartete Pavel Rubinčik auf seine Flucht. Er verließ seine Arbeitsstätte und versteckte sich in den Trümmern. Als die versprochene Begleiterin kam, verließ er mit anderen Flüchtlingen das Ghetto. Sie wurden aber unterwegs erwischt und angeschossen. Die Mehrheit der Flüchtlinge war umgekommen. Pavel Markovič und seinem gleichaltrigen Freund Leonid Friedmann glückte es, sich im Walddickicht zu verbergen. Sie hatte nun keine Begleitung, kannten den richtigen Weg nicht und beschließen ins Ghetto zurückzukommen. Beide dachten an einen baldigen weiteren Fluchtversuch. Sie gingen ins Ghetto zurück und drei Tage danach verließen es mit einer Arbeiterkolonne. Dann begaben sie sich zu einem großen Dorf, das nach ihren Vorstellungen zur Partisanenzone gehörte. Beide sollten drei Tage im Walde hungrig und hoffnungslos herumlaufen. Dabei verlor Pavel Rubinčik seinen Freund und fand doch die Partisanen, die ihn in die jüdische Sorin-Partisanentruppe brachten. Dort begann für Pavel Markovič sein Partisanenalltag. Er machte bei der Errichtung von Erdhütten mit, suchte nach Waffen und Munition, beteiligte sich an Kampfeinsätzen und an Zerstörung der deutschen Kommunikationen etc.

Die Befreiung und das Nachkriegsleben

Am 13. Juli 1944 kam endlich die ersehnte Befreiung. Mit Militärkraftfahrzeugen wurden die Partisanen der Sorin- Partisanentruppe nach Minsk gebracht. Dort kam Pavel Rubinčik mit seinen Verwandten zusammen. Sie erzählten ihm, dass seine Eltern glücklicherweise überlebten und in der Stadt Selenodol'sk bei Kasan' wohnten. Der sechzehnjährige Pavel Rubinčik wurde aus der Partisanentruppe entlassen und fuhr im September 1944 zu seinen Eltern. Für sie war das eine richtige Überraschung, denn sie meinten, er sei im Krieg umgekommen. Pavel Rubinčik erinnert sich an das Zusammentreffen mit den Eltern: »Als der Zug sich dem Bahnhof Kasan näherte, bemerkte ich meinen Vater auf dem Bahnsteig. Er stand mit einer Gruppe seiner Mitarbeiter. Wir waren fast vier Jahre voneinander getrennt, und das Zusammentreffen kann ich mit bloßen Worten kaum beschreiben. Das war wirklich unbeschreiblich. Mancher von uns brauchte Baldriantropfen, um sich zu beruhigen, besonders nach den Erzählungen von Gettoerlebnissen und von dem Verlust der Verwandten und Bekannten.«

http://interlibrary.narod.ru/GenCat/GenCat.Scient.Dep/GenCatHisdoc/Bookalive/9020000093/9020000093.htm
Weiterhin lernte Pavel Rubinčik in einer Tages- und später in einer Abendmittelschule. Danach studierte er an einer Fachschule und schoss die Fachrichtung für Mechanik an der Akademie für Forstwirtschaft in Leningrad ab.

Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk