Emil (Manuel) Neugarten, geb. am 17.1.1885 in Barop, deportiert am 8.11.1941 nach Minsk
Herta Neugarten, geb. Gottschalk, geb. am 11.2.1897 in Hamburg, deportiert am 8.11.1941 nach Minsk
Frieda Rackwitz, geb. Gottschalk, geb. am 1.11.1893 in Hamburg, deportiert am 25.10.1941 nach Lodz
Walter Rackwitz, geb. am 18.3.1899 in Berlin, deportiert am 25.10.1941 nach Lodz
Kielortallee 22
In der Geburtsurkunde für den Sohn von Moses und Gella (Julia) Neugarten, geb. Schönwald, die am 20. Januar 1885 in Barop bei Dortmund ausgestellt wurde, ist der Vorname des Kindes als "Manuel" eingetragen. Manuel Neugarten nahm später jedoch den Nenn-Namen Emil an, der Name Manuel tauchte nur noch in amtlichen Schriftstücken auf. 1913 heiratete er in Münster Alwine Sander (geb. 28.5.1890 in Bocholt in Westfalen). Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor. Die älteste Tochter Ilse wurde unehelich am 31.8.1910 in Klein Masselwitz bei Breslau in einer privaten Entbindungsanstalt geboren. 1913 erkannte Manuel Neugarten die Vaterschaft an und heiratete die Mutter. Damals lebte er in Bremen in der Isarstraße 94. Das zweite Kind erblickte am 25.6.1915 in Hamburg das Licht der Welt und erhielt den Namen Irene. Am 27.9.1916 wurde Tochter Margot geboren. Am 28.6.1922 folgte Ruth Sonja und am 21.3.1924 Ingeborg.
Nach der Heirat zog die Familie nach Hamburg. Die erste Wohnung lag in der Rapsoldstraße 1. 1917 stand im Adressbuch "E. Neugarten, Reisender, Rönnhaidstraße 45". (Die Rönnhaidstraße ist die heutige Adolph-Schönfelder-Straße südlich der Weidestraße in Barmbek-Süd.) Mitte der 1920er Jahre stand im Adressbuch "E. Neugarten, Kaufmann, Heitmannstraße 12". Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Ehe geschieden. Zwei Jahre später heiratete das Paar in Hamburg am 15. Mai 1928 erneut. Doch auch die zweite Ehe war nicht von Dauer und wurde im März 1940 geschieden. Manuel Neugarten ehelichte kurz nach der Scheidung am 2. April 1940 Herta Gottschalk. Sie lebte in der Kielortallee 22, zusammen mit ihrer Mutter Tirza, ihrer Schwester Frieda und ihrem Schwager Walter Rackwitz. Sie war 43 Jahre alt, als sie heiratete.
Herta Gottschalk stammte aus Hamburg. Ihr Vater Alexander war Händler, ihre Mutter Tirza war eine geb. Meyer. Die Familie lebte, als Herta geboren wurde, in der Peterstraße 39, Haus 5. Herta Gottschalk hatte einen unehelichen Sohn Ernst (geb. 9.10.1926), der vermutlich nach England emigrieren konnte. Von Beruf war sie Krankenschwester und arbeitete zuletzt im Jüdischen Krankenhaus.
Manuel und Herta Neugarten gehörten zu den Juden, die am 8. November 1941 – also mit dem zweiten Hamburger Transport – nach Minsk deportiert wurden, zusammen mit 966 anderen Männern, Frauen und Kindern. 952 von ihnen kehrten nie zurück. Das Todesdatum von Manuel und Herta Neugarten wurde nachträglich auf den 8. Mai 1945 festgelegt. Nach allem, was über das Getto in Minsk bekannt ist, ist anzunehmen, dass beide schon kurz nach ihrer Ankunft ermordet wurden.
Herta hatte mindestens zwei ältere Geschwister: den Bruder Harry Gottschalk (geb. 1886), der am 2.9.1942 in Dachau starb, und die Schwester Frieda Rackwitz (geb. 1893), die ebenfalls 1940 geheiratet hatte und mit ihrem Mann am 8. November 1941 nach Minsk deportiert wurde. Für Harry Gottschalk liegt ein Stolperstein in St. Georg am Steindamm 12.
Von den fünf Töchtern Manuel Neugartens aus seiner Ehe mit Alwine emigrierten drei: Ilse, Margot und Ingeborg. Die Töchter Irene und Ruth Sonja blieben in Hamburg. Irene hatte den zehn Jahre älteren, aus einer ostfriesischen Schlachterfamilie stammenden Moritz Abrahams geheiratet (dazu s. die Familien Beit und Brager). Der gemeinsame Sohn Denny wurde am 20.9.1938 geboren. Im Oktober 1941 wohnte die Familie in der Heinrich-Barth-Straße 17 IV. Sie wurde am 25. Oktober 1941 nach Lodz deportiert, wo sie in die Franzstraße 38, Wohnung 74 (polnisch Franciszkanska) eingewiesen wurde.
Ruth hatte kurz vor der Deportation den staatenlosen, in Hamburg geborenen Carl Alfred Abraham Melamerson (geb. 7.12.1917) geheiratet. Die gemeinsame Tochter Recha, geboren am 15.8.1941, war noch ein Baby, als Ruth mit ihrem Mann, ihrer Tochter und ihren Schwiegereltern Salomon (geb. am 13.12.1884 oder 1894 in Kybartai/Litauen, gest. in Lodz am 28.4.1942) und Anita (geb. am 14.4.1890 in Hamburg als Anita Zadich, gest. in Lodz am 2.2.1942) mit demselben Transport wie Schwester, Neffe und Schwager nach Lodz deportiert wurden. Ruth und das Baby wurden von der Adresse Heinrich-Barth-Straße 7 (bei Bleiweiss) deportiert, die Familie Melamerson von der Adresse Blumenstraße 31a. Im Getto Lodz wurde Ruth in die Neustadtstraße 31, Wohnung 8 eingewiesen, später lebte Familie Melamerson in der Cranachstraße. Alfred Melamerson bat im Mai 1942 die Gettoverwaltung, von der "Aussiedelung" befreit zu werden. Zu dem Zeitpunkt waren seine Eltern bereits tot, seine Frau Ruth war krank. Seinem Antrag wurde stattgegeben, aber bereits am 3.9.1942 starb er. Ruth überlebte ihn, sie starb am 12.7.1943 in Lodz. Auch Recha überlebte nicht. Die Mutter von Irene und Ruth, Alwine, hatte in Amerika noch von der Hochzeit Irenes und der Geburt des ersten Enkelkindes erfahren, von Ruths Hochzeit und der Geburt des zweiten Enkelkindes wusste sie nichts.
© Susanne Lohmeyer
Quellen 1; 4; 5; StaH 332-5 Standesämter, 6673 + 273/1928; StaH 332-5, 2428 + 576/1897; StaH 332-5, 2318 + 4105/1893; StaH 332-5, 2126 + 1983/1886; StaH 351-11 AfW, 787, 8085, 36254, 41087; Stadtarchiv Dortmund Geburtsregister; HAB II 1917,1926; USHMM 302/278; Deportationsliste Litzmannstadt, Gedenkstätte Lodz Radegast.
Diese Biographie entstand im Rahmen des Projektes „Stolpersteine in Hamburg – biographische Spurensuche“ unter Leitung von Dr. Rita Bake (Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg) und Dr. Beate Meyer (Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Hamburg)