Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Flanter Wilhelm

Flanter Wilhelm

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Deutschland
Geburtsort 
Posen
Beruf 
Buchhändler
Deportationsdatum 
1941 November 14
Unterbringung/Inhaftierung 
unbekannt
Schicksal 
Todesdatum unbekannt
Berichtsart 
Familiengeschichte

Wilhelm Flanter

* 22. Oktober 1884 in Posen

Erna Flanter, geb. Waldo

* 10. Februar 1896 in Koschmin/Posen

Suarezstraße 5, Berlin-Charlottenburg

Hertha Waldo

* 22. Juni 1899 in Koschmin/Posen

Friedrich-Karl-Platz 5 (heute Klausener Platz), Berlin-Charlottenburg

»Ach, man möchte sich so gern retten und noch einmal ein neues Leben beginnen!« (Brief Erna Flanters vom 22. März 1939, Privatbesitz Susanne Kenton.)

Ab 1933 schränkten antisemitische Gesetze das Leben der Jüdinnen und Juden im Deutschen Reich zunehmend ein. Die Möglichkeiten, den Lebensunterhalt zu bestreiten und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, schwanden. Zur Ausgrenzung kam offene Gewalt hinzu und erzeugte ein Klima der Angst. Aber welchen Ausweg gab es für die Betroffenen? Einige Verfolgte konnten sich in Deutschland verstecken, andere begingen Selbstmord. Viele Jüdinnen und Juden emigrierten ins Ausland. Doch häufig blieb die Flucht in die Fremde bloße Theorie: Oftmals waren die Ersparnisse nach Jahren der wirtschaftlichen Repressionen aufgezehrt und der Preis für eine Emigration unerschwinglich. Zudem verließen sich viele deutsche Juden und Jüdinnen darauf, dass es schon nicht so schlimm kommen würde: Schließlich galt Deutschland als Kulturnation. Zahlreiche ehemalige Teilnehmer am Ersten Weltkrieg beruhigten sich in der trügerischen Hoffnung, dass ihr damaliger Einsatz an der Front sie schützen würde. Entschlossen sie sich schließlich zur Emigration, war es oft zu spät. Auch die Berliner Buchhändlerfamilie Flanter/Waldo suchte einen Weg, aus Deutschland zu entkommen. Trotz einer guten finanziellen Ausstattung und dem Willen, das Land zu verlassen, gelang die Emigration nur der damals 13-jährigen Susanne Miriam Flanter (* 8. 2. 1925). Ihre Eltern Wilhelm und Erna Flanter sowie ihre Tante Hertha Waldo konnten nicht mehr fliehen und wurden am 14. November 1941 nach Minsk deportiert.

Die Familie Flanter führte sehr erfolgreich eine Kette von Buchläden und Leihbibliotheken, zu der in den besten Zeiten sieben Filialen in ganz Berlin gehörten. Der in Posen geborene Wilhelm Flanter war seit 1908 im Buchhandel tätig. Durch das gut laufende Geschäft gelangte die Familie zu Wohlstand, der sich unter anderem im Besitz zweier Automobile ausdrückte – ein für die damalige Zeit seltener Luxus. Auch die Charlottenburger Wohnung der Familie Flanter in der Suarezstraße 5 war elegant ausgestattet.

Erna war – ebenso wie ihr Mann Wilhelm – stark in das Geschäft eingebunden. Deshalb wurde ihre Tochter Susanne oft von ihrer Großmutter Auguste Waldo (geb. Mamlock) versorgt, die auch für sie kochte. Rückblickend berichtet Susanne, dass ihre Großeltern sehr gläubig waren und jeden Freitagabend und Samstagmorgen in die Synagoge gingen. Ihr Großvater Jakob Waldo, erinnert sich Susanne, machte ihr häufig Bratäpfel auf dem Kachelofen, und mit ihrem Onkel Martin Flanter besuchte sie oft das KaDeWe (Kaufhaus des Westens), wo er ihr Windbeutel mit Schlagsahne spendierte.

Hertha Waldo, Susannes Tante, war ebenfalls im Buchhandel tätig. Sie führte eine Filiale am Friedrich-Karl-Platz 5 in Berlin-Charlottenburg. Im selben Haus, das Auguste und Jakob Waldo gehörte, hatte Hertha Waldo auch ihre Wohnung.

1933 endete die sorglose Zeit für die erfolgreiche Unternehmerfamilie. In diesem Jahr überfielen nationalsozialistische Schläger den Buchladen in der Suarezstraße zum ersten Mal. Sie verwüsteten das Geschäft und bedrohten die Familie. Flanters sollten verschwinden, »sonst …«.

Susanne Flanter erinnert sich später, dass sie – zu dieser Zeit acht Jahre alt – einem besonderen Ereignis beiwohnte: Adolf Hitler passierte auf einer Fahrt im Auto ihr Schulgebäude. Die Schülerinnen wurden dazu angehalten, den Hitlergruß zu zeigen. Susanne war aufgeregt und wollte dazugehören, aber in ihrem Inneren wusste sie, dass dies alles nicht richtig sei.

In den kommenden Jahren steigerten sich die Repressionen, unter denen die Familie leiden musste. Zunächst durfte das Hausmädchen Maria nicht mehr bei den Flanters arbeiten. 1936 musste Susanne die Schule wechseln und fortan die Höhere Jüdische Schule besuchen. Am 8. Januar 1937 schloss die Reichsschrifttumskammer Wilhelm Flanter aus der Fachgruppe Buchhandel aus. Im Zuge des Novemberpogroms 1938 verschleppten Nationalsozialisten ihn in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Seine Frau Erna und seine Tochter Susanne hofften vergeblich, dass ihm seine Teilnahme am Ersten Weltkrieg eine bessere Behandlung verschaffen würde.

Die Verhaftung des Vaters ging nicht spurlos an der inzwischen 13-jährigen Susanne vorbei. Als ihre Lehrerin in der Schule fragte, wer mit einem Kindertransport nach England ausreisen wolle, meldete sich Susanne, ohne es ihrer Mutter zu erzählen. Umso größer war die Überraschung, als ihre Mutter einen Brief erhielt. Eine englische Familie hatte sich bereit erklärt, Susanne aufzunehmen. Zwei Wochen vor Susannes Abreise wurde ihr Vater aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen entlassen. Nach sechswöchiger Haft kehrte Wilhelm Flanter als gebrochener Mann zu seiner Familie zurück. Wie Susanne später berichtet, litt ihr Vater seitdem unter einer schweren Depression. Obwohl die Emigration seiner Tochter ihn traurig stimmte, hielt er diesen Schritt für absolut richtig und notwendig. Auch Susannes Tante Hertha war sehr betroffen über Susanne Fortgehen, doch die Entscheidung war gefallen. Am Abend vor Susannes Abreise traf sich die ganze Familie zu einem letzten gemeinsamen Abendessen: Susanne, ihre Eltern Erna und Wilhelm, ihre Großeltern Jakob und Auguste und ihre Tante Hertha. Am frühen Morgen des 30. Januar 1939 begann Susannes Reise, die ihr das Leben retten sollte. Am Bahnhof Zoologischer Garten bestieg sie den Zug. Anders als bei anderen Kindertransporten, so berichtet sie, durften an diesem Tag die Eltern mit auf den Bahnsteig. Susanne erinnert sich später, dass niemand weinte. Von Berlin fuhren sie nach Hamburg und von dort mit dem amerikanischen Schiff »SS Washington« über die französische Hafenstadt Le Havre nach Southampton in England. Bevor sie jedoch in Hamburg ablegen konnten, mussten sie noch eine letzte strenge Kontrolle durch deutsche Offizielle über sich ergehen lassen. In der Erwartung, verstecktes Geld oder Wertgegenstände zu finden, durchsuchten diese die Kinder aufs Genaueste.

Susanne gewöhnte sich zunächst nur langsam an das Leben in England. Eine starke Verbindung zu ihrer Familie blieb erhalten. An ihrem 14. Geburtstag, dem 8. Februar 1939, erhielt sie sogar einen Anruf von ihren Eltern. Dieses Telefonat blieb Susanne als außergewöhnliches Ereignis in Erinnerung. Zum einen, weil ein solches Ferngespräch zur damaligen Zeit eine kaum vorstellbare Seltenheit darstellte, zum anderen, weil sie an diesem Tag zum letzten Mal mit ihren Eltern sprach. Im März 1939 erhielt Susanne von den beiden eine große Kiste mit Kleidung, Schuhen und Bettwäsche. Wenig später kam noch ein weiteres, besonderes Päckchen, das einige Dosen Nivea-Creme enthielt. Eine Nachricht der Eltern wies sie darauf hin, warum das Päckchen so wichtig war: Gemeinsam mit ihren englischen Gasteltern untersuchte sie die Creme und fand darin Schmuckstücke ihrer Mutter und eine Kette ihrer Tante Hertha. Bis zur Deportation nach Minsk 1941 riss der Kontakt zwischen Susanne und ihren Eltern nicht ab, sie erhielt weiter Briefe von ihnen über das Rote Kreuz, unter anderem schickten die beiden ihr ein Foto, auf dem sie beide zu sehen waren, und ließen das Bild von Susanne hineinretuschieren. Auf die Rückseite schrieb Erna Flanter »Wie ist das möglich? Hast Du uns heimlich besucht?« Den letzten Brief von ihren Eltern erhielt Susanne im Sommer 1941.

Unterdessen spitzte sich die Lage für Jüdinnen und Juden in Deutschland weiter zu. Die Familie geriet zunehmend unter Druck und suchte nun ebenfalls nach Möglichkeiten zur Auswanderung. Zunächst musste die Familie ab November 1938 die »Judenvermögensabgabe« in mehreren Raten ableisten. Im Februar 1939 waren Schmuck, Edelmetalle und Kunstgegenstände abzugeben. Hertha Waldo musste unter anderem ihren goldenen Ring, eine Halskette und ein Medaillon abliefern.

Am 1. April 1939 wurde die Familie schließlich gezwungen, ihr Buchhandelsgeschäft aufzugeben. Um ihren Lebensunterhalt weiter bestreiten zu können, verkaufte Hertha Waldo in ihrer Wohnung Kleidung und Stoffe an Privatkunden. Ein Zimmer diente ihr dabei als Lagerraum. Wenig später wurde es noch enger: Erna und Wilhelm Flanter mussten ihre Wohnung in der Suarezstraße aufgeben, Hertha nahm sie bei sich auf.

Auch die Großmutter Auguste Waldo wollte Deutschland verlassen. Sie war in den USA geboren und hatte bereits 1937 die amerikanische Staatsbürgerschaft bestätigen und erneuern lassen. Die Ausreise in ihr Geburtsland war bereits vorbereitet, als sie am 19. März 1941, wenige Tage vor der geplanten Emigration, verstarb. Ihr unerwarteter Tod traf die ganze Familie. Erna und Hertha hatten sich durch die amerikanische Staatsbürgerschaft ihrer Mutter ebenfalls eine Ausreise erhofft. Diese Möglichkeit war nun erloschen. Erna schrieb: »Ihr Tod war eine Katastrophe für uns. […] Sie hatte alles für ihre Ausreise zusammen, alles war vorbereitet, nicht nur für sie selbst, sondern auch für uns.« (Brief Erna Flanters vom 30. April 1941, Privatbesitz Susanne Kenton.)

Schon kurz nach Susannes Ausreise nach England hatte sich ihre Mutter Erna Flanter im März 1939 bei Verwandten erkundigt, ob diese etwas über die Möglichkeiten einer Emigration und einer illegalen Einreise nach Palästina in Erfahrung bringen könnten. Sie schrieb: »Ach, man möchte sich so gern retten und noch einmal ein neues Leben beginnen! […] Die Aussichtslosigkeit macht uns immer verzweifelter, und dazu nagt noch die Sehnsucht nach unserem einzigen Kinde an unseren Herzen!« (Brief Erna Flanters vom 22. März 1939, Privatbesitz Susanne Kenton.) Als die Ausreise im April 1941 noch nicht gelungen war, schrieb Erna Flanter einen verzweifelten Brief an die in den USA lebende Cousine ihrer Mutter mit der Bitte, ihr eine Bürgschaftserklärung für sie, ihren Mann und ihre Schwester Hertha zu schicken.

Am 13. November 1941 mussten sich Hertha Waldo, Wilhelm Flanter und Erna Flanter in der Sammelstelle in der Synagoge Levetzowstraße einfinden. Dort wurden sie gezwungen, eine Auflistung ihres Besitzes abzugeben. Aus den erhaltenen Aufzeichnungen geht hervor, dass jeder von ihnen 500 Reichsmark an den »Palestine Lloyd« – wahrscheinlich für eine Schiffspassage nach Palästina – gezahlt hatte. Trotz vieler Bemühungen und einer guten finanziellen Ausgangssituation waren alle Versuche, das Land rechtzeitig zu verlassen, gescheitert. Am 14. November wurden Erna und Wilhelm Flanter und Hertha Waldo nach Minsk deportiert.

Susanne Flanter überlebte die Shoah als Einzige ihrer Familie. Den Tag der Feiern zum Kriegsende verbrachte die damals 20-Jährige in London. Vor dem Buckingham Palace erlebte sie in der jubelnden Menge den Auftritt von Winston Churchill und der Königsfamilie. 1947 heiratete sie einen ehemaligen britischen Soldaten. Die Hochzeit bezahlte sie mit dem Geld, das ihre Eltern ihr noch kurz vor Kriegsbeginn aus Deutschland geschickt hatten. Heute lebt sie mit ihrer Familie in England.

Eines der Bücher aus Wilhelm Flanters Bibliothek konnte im Jahr 2012 vom Projekt NS-Raubgutforschung der Zentral- und Landesbibliothek Berlin – 73 Jahre nach Flanters Enteignung – an seine Tochter Susanne Kenton zurückgegeben werden.

Erstellt von Arne Pannen