Neumark Edgar, geb. 01.09.1886, deportiert am 23.09.1940 in die Tötungsanstalt Brandenburg, Todesdatum 23.09.1940
Neumark Anna, geb. 27.12.1886, deportiert am 18.11.1941 nach Minsk, Todesdatum unbekannt
Neumark Karl-Heinz, geb. 15.04.1913, deportiert am 23.09.1940 in die Tötungsanstalt Brandenburg, Todesdatum 23.09.1940
Neumark Richard, geb. 01.08.1918, deportiert am 23.09.1940 in die Tötungsanstalt Brandenburg, Todesdatum 23.09.1940
Neumark Walter, geb. 01.08.1918, 1942 nach Izbica deportiert, Todesdatum unbekannt
Das Familienschicksal der Neumarks ist davon kennzeichnet, dass hier die Verfolgung der Juden, der "Erbkranken" und der Homosexuellen ineinander griffen
Edgar Neumark wurde am 1. September 1886 als jüngstes Kind von Meyer Neumark (*01.05.1849 in Wittmund) und dessen Frau Hanna, geb. Barwin, in Hamburg geboren. Meyer Neumark, der einer alteingesessenen, großen Familie in Wittmund/Ostfriesland entstammte, zog 1878 mit seiner Frau nach Hamburg. Sie wohnten mit Edgar und seinen älteren Schwestern Fanny (*30.01.1982, gest. 05.08.1934, Kontoristin, verheiratet Levinson) und Bertha (*20.06.1883, Buchhalterin, verheiratet Hauptmann) in der Rappstraße 10. Meyer Neumark war laut Kultussteuerkartei im Bereich "Agentur und Commission" tätig, er war also Händler.
Noch vor Beginn des Ersten Weltkrieges heiratete Edgar die etwa gleichaltrige Anna, die die Tochter von Louis Levy und Julie geb. Hesse war. Sie hatten drei gemeinsame Söhne. Die Familie wohnte zunächst für längere Zeit im Hamburger Stadtteil St. Georg-Borgfelde in der Borgfelderstraße 67. Borgfelde war ein recht junger Stadtteil, erst in den 1870er Jahren hatte nach der Anlegung neuer Straßenzüge eine rege Bautätigkeit eingesetzt. Es entstanden große Mietshäuser in Blockrandbebauung. "Während Oben-Borgfelde eher bürgerlich strukturiert war, fanden in Unten-Borgfelde eher sozial schwächer gestellte Familien Unterkunft." Die Hausnummer 67 befand sich etwa in der Mitte der Straße, und die Neumarks lebten demnach genau an der Grenze zwischen den verschiedenen Teilen der Borgfelderstraße, was ihrem sozialen Status zu dieser Zeit auch entsprach. Edgar Neumark handelte in der Claus-Groth-Straße 35, einer Parallelstraße zur Borgfelder Straße mit Altmaterialien (auch "Rohprodukte" genannt), d.h. er war Schrotthändler. Ob ihm der Betrieb gehörte, ist nicht sicher. Aus der Kultussteuerkartei von Fannys Ehemann, Max Levinson, geht jedoch hervor, dass dieser bei seinem Schwager Edgar als Rohprodukthändler arbeitete. Seit 1914 zahlte Edgar als Familienoberhaupt über Jahre relativ hohe Steuern an die jüdische Gemeinde, was darauf schließen lässt, dass die Familie in diesem Zeitraum über ein gutes Einkommen verfügte. Die Inflationszeit ging nicht spurlos an der Familie Neumark vorüber. Im Gegenteil: Edgar erlitt eine akute depressive Psychose wegen dieses finanziellen Desasters, von der er sich Zeit seines Lebens nicht mehr erholte. Ab 1925 verbrachte er etwa ein Jahr in der "Irrenanstalt" Friedrichsberg, dem späteren AK Eilbek. Die "Staatskrankenanstalt" Friedrichsberg war bis 1927 die einzige psychiatrische Klinik in Hamburg und galt bei ihrer Eröffnung 1864 als besonders fortschrittlich.
Wahrscheinlich begann Anna Neumark zu dieser Zeit, als Schuhverkäuferin in einem Geschäft namens M. Rieder zu arbeiten, denn sie bezahlte ab 1931 ebenfalls Kultussteuer an die jüdische Gemeinde. Der Inhaber des Geschäftes, Joseph Levy, war möglicherweise ein Verwandter von ihr. Sie arbeitete dort bis zur "Arisierung" des Geschäftes und ihrer darauffolgenden Kündigung am 30. September 1938. Ab 1938 trug Anna Neumark den jüdischen Zwangsnamen Sara.
Ab 1935 lebten die Neumarks in der Grindelallee 23. Die fünfköpfige Familie wohnte hier jedoch vermutlich zu keiner Zeit gemeinsam. Edgar arbeitete noch bis mindestens 1938 als "Altmaterialgroßhändler". Er scheint an einer "depressiven Schizophrenie" erkrankt zu sein, die 1937 Grund für seine Sterilisation gewesen sein könnte. Der dreifache Vater war zu diesem Zeitpunkt 51 Jahre alt. Danach verliert sich seine Spur zeitweise, und wir finden sie erst auf der Transportliste derjenigen Patienten wieder, die aus Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn am 23. September 1940 direkt in die Tötungsanstalt Brandenburg deportiert und sogleich mit Gas ermordet wurden.
Anna Neumark lebte noch bis zu ihrer Deportation am 18. November 1941 nach Minsk in der Grindelallee 23, zuletzt vermutlich allein. Ihre Spur verliert sich ab der Deportation. Die Kultussteuerkartei gibt "Aussiedlung" an, das Hamburger Gedenkbuch berichtet von "verschollen". Anna Neumark kam mit dem zweiten Deportationszug, der von Hamburg nach Minsk fuhr, am 23. November 1941 dort an. In Minsk existierte ein "Sonderghetto" für die deutschen Juden. Jeder Person standen dort nur 1,5 m2 zur Verfügung, die sanitären und hygienischen Verhältnisse waren katastrophal. Im Minsker Ghetto wurden die arbeitsfähigen Juden zu schwerer körperlicher Arbeit herangezogen. Zum Zeitpunkt ihrer Ankunft in Minsk war Anna Neumark fast 55 Jahre alt. Ob sie zum Arbeitsdienst herangezogen wurde, wissen wir nicht. Sie ist vermutlich spätestens bei der Erschießungsaktion am 8. März 1943 umgekommen, bei der ein Großteil der Hamburger Juden getötet wurde.
Der älteste Sohn von Edgar und Anna, Karl-Heinz, wurde 1913 geboren. Die Zwillinge Walter und Richard folgten 1918. Karl-Heinz und Walter Neumark galten schon früh als "schwachsinnig". Beide lebten seit 1938 in den Alsterdorfer Anstalten, wegen "Geistesschwäche" entmündigt und sterilisiert. Ihr Bruder Richard sagte über sie (1938): "Ich habe noch 2 Brüder. Der eine ist gleich in die Irrenanstalt gekommen, der andere hat mit mir die Hilfsschule besucht. Z. Zt. ist er in den Alsterdorfer Anstalten. 10 Jahre ist er schon dort."
Karl-Heinz kam wegen Lernschwierigkeiten als Kind in den Kalmenhof in Idstein im Taunus, ein Heim für schwer erziehbare Kinder. Er wurde am 25. Oktober 1928 wieder nach Hamburg zurückgeschickt und in die Alsterdorfer Anstalten mit der Diagnose "angeborener Schwachsinn" eingewiesen. Er war zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt. Er galt als "gut führbar", gut integriert und konnte sogar kleine Maurer- und Hilfsarbeiten durchführen. Nachdem die Nationalsozialisten das Erbgesundheitsgesetz erlassen hatten, erfolgte am 28. März 1935 der Antrag des Erbgesundheitsgerichtes Hamburg "zur Unfruchtbarmachung" des Patienten Karl-Heinz Neumark. Die Verhandlung darüber fand am 17. April 1935 statt, zwei Tage nach seinem 22. Geburtstag. Der operative Eingriff der Sterilisation wurde im Juni 1935 im Universitätsklinikum Eppendorf vorgenommen. Am 31. Oktober 1938 wurde er (wie die anderen damals in den Alsterdorfer Anstalten lebenden Juden) auf Veranlassung der Anstaltsleitung (Pastor Lensch) in das Versorgungsheim Oberaltenallee und bald darauf in die staatliche Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn verlegt. Von dort aus wurde er, zusammen mit seinem Vater und seinem Bruder Richard, am 23. September 1940 in die Tötungsanstalt Brandenburg verbracht und sofort mit Gas ermordet.
Die Zwillinge Richard und Walter absolvierten die ersten Schuljahre in der Volksschule am Ausschläger Weg. Weil der Unterricht dort beide überforderte, wechselten sie auf die Hilfsschule in der Bülaustraße 38. Am 21. Juni 1932, mit 14 Jahren, mussten Walter und Richard ihre Familie verlassen und kamen in die Hilfsschule "Landheim Besenhorst" bei Geesthacht – damals die Hilfsschülerabteilung des Hamburger Waisenhauses – zur Fürsorgerziehung, wo Richard bis zum 13. Juli 1935 blieb. Besenhorst war ursprünglich 1918 als Ledigenheim der Pulverfabrik Düneberg gebaut worden und entsprechend wenig zum Jugendheim geeignet. Derweil wurde Walter weiterverlegt in das Landheim Ochsenzoll, ebenfalls eine Außenstelle des Hamburger Waisenhauses. Am 3. Mai 1935 wurde vom Erbgesundheitsgericht Richards Sterilisation beschlossen, auch Walter wurde während dieser Zeit sterilisiert. Richard selbst über seine Schulbildung: "Schreiben kann ich wohl, nur nicht richtig deutsch. Ich meine damit, daß ich Rechtschreibungsfehler begehe. Rechnen kann ich auch, ‚Dezimal’ kann ich nicht."
In dem neuen Jugendheim der Stadt Hamburg in Wulfsdorf bei Ahrensburg trafen sich die beiden Zwillingsbrüder wieder. Die Stadt Hamburg hatte das Gut Wulfsdorf 1922 mit dem Ziel erworben, dort außerhalb der Stadt ihre sämtlichen Jugendheime unterzubringen. Wegen fehlender finanzieller Mittel wurden schließlich nur die Erziehungsanstalten des Jugendamtes hierher verlegt. Innerhalb des Gutsbetriebes hoffte man die Zöglinge "nutzbringend und in erzieherisch günstigem Sinne" in Werkstätten, Viehställen und einer Gärtnerei einsetzen zu können. Von 1926 bis nach dem 2. Weltkrieg arbeiten bis zu 70 Jugendliche auf dem Gut. Die Unterbringung war kasernenähnlich und entsprach den Vorstellungen der Zeit. Sowohl Walter als auch Richard wurden 1936 als Arbeiter auf Bauernhöfen eingesetzt. 1937 musste Walter seine Stellung als Arbeiter aufgeben und wurde durch die Fürsorgebehörde in die Alsterdorfer Anstalten eingewiesen, da ein Gutachten "angeborenen Schwachsinn" diagnostizierte. In seiner Akte heißt es: "In seinen Arbeitsleistungen anfangs wenig zufrieden stellend, in letzter Zeit gemäßigt, williger, tat jedoch nicht mehr als unbedingt nötig war. […] Versuchte, einen tiefstehenden Zögling unter Anbieten einer Scheibe Brot zu homosexuellen Handlungen zu verleiten."
Richard war bei dem Bauern Johannes Schlüter in Tornesch-Ahrenlohe bei Pinneberg eingesetzt worden, wo er bis zum 26. Juli 1937 blieb. Nachdem er den Bauernhof laut eigener Aussage wegen der Rassengesetzgebung verlassen musste, zog er zurück zu seinen Eltern in die Grindelallee 23 II.
Durch die lange Abwesenheit und unterschiedliche religiöse Vorstellungen war das Verhältnis in der Familie angespannt, der zwanzigjährige Richard gab 1938 vor Gericht zu Protokoll: "Ich sehe gar nicht aus wie ein Jude. Wenn ich das zu Hause mal sage, dann ist der große Krach. Das sind gar nicht meine Eltern. […] Ich bin als Christ erzogen und fühle mich als solcher. Als ich noch in den Anstalten war, habe ich mich aus eigener Initiative umtaufen lassen. Dies wird ja heute nicht mehr anerkannt." Seine Eltern ließen das Gericht aber dennoch durch den jüdischen Rechtsanwalt Max Heinemann wissen, dass die geistigen Fähigkeiten ihres Sohnes zwar beschränkt seien, er aber sonst ordentlich und häuslich sei.
Richard Neumark arbeitete nun als Rohproduktenarbeiter zunächst bei Bruno Mölling, dann bei Otto Hussfeld, Peter Rahn und bis zu seiner Verhaftung am 9. August 1938 bei Höppner ("der das Altpapier im Alsterhaus sammelt"). Dort verdiente er, wie er selbst angab, wöchentlich 10 RM. Im August 1938 wurde er verhaftet, verbrachte eine Woche im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel, am 18. August begann die Untersuchungshaft.
Das Aufnahmeformular gibt Hinweise auf sein Aussehen: Richard war 1, 56 m groß, hatte blonde Haare und graue Augen, als besondere Kennzeichen galten eine Blinddarmnarbe und seine Sterilisation. Er führte nur eine Armbanduhr, eine Anmeldebescheinigung zur Wehrpflicht und 65 Pfennige bei sich. Festgenommen worden war er, weil er einen 15jährigen Schüler wiederholt angesprochen und in sexueller Absicht berührt haben sollte. Der Gutachter Medizinalrat Dr. Pecht bescheinigte der Familie Neumark "drei mehr oder weniger defekte Söhne" sowie Richard Intelligenzmängel. Bei der Hauptverhandlung am 22. November 1938 wurde er wegen Beleidigung nach § 185 StGB zu fünf Monaten Gefängnis unter Anrechnung von zwei Monaten Untersuchungshaft verurteilt. Er verbrachte die restlichen drei Monate im Gefängnis Hamburg-Harburg, aus dem er am 22. Februar 1939 entlassen wurde. Seine Mutter besuchte ihn einmal am 2. Dezember 1938 in der Haft. Zu ihr hatte der Sohn ein inniges Verhältnis; in einem Brief aus der Untersuchungshaft an seine Eltern schrieb er: "Schreibt bitte wieder. Ich denke so vihl an Mutti hofendlich gehd es ihr gans gut."
Nach seiner Entlassung arbeitete Richard als Erdarbeiter "in einer Juden-Kolonne bei dem Unternehmer Karl Vogt", bis er am 29. Mai 1939 wieder festgenommen wurde. Er sollte einen 13jährigen Schüler an den Landungsbrücken angesprochen, ihn in intime Gespräche verwickelt und schließlich am Fortgehen gehindert haben, indem er ihn von hinten umfasst hatte. Diesmal wurde er eines Sittlichkeitsverbrechens nach § 176 I Ziff. 3 II angeklagt und am 18. Dezember 1939 zu einem Jahr Haft verurteilt, da man die "wollüstige Absicht" seiner Handlungen als erwiesen ansah. Durch seine "triebhafte Hemmungslosigkeit" sei zudem die öffentliche Sicherheit gefährdet, so dass die Unterbringung in einer Heil- und Pflegeanstalt angeordnet wurde. Die Unterlagen wiederholen die Aussagen aus dem ersten Prozess über den Angeklagten Neumark, doch die Formulierungen waren deutlich schärfer geworden: So wurden ihm "Charakterzüge eines Psychopathen" bescheinigt, er sei "faul, unbeherrscht, streitsüchtig, nur auf seinen Vorteil bedacht und unsauber", "Zurechtweisungen konnte er nicht vertragen". Gezeichnet wurde das Bild des asozialen, schwachsinnigen, jüdischen "Volksschädlings", "der aus einer erbbiologisch unterwertigen Familie" stamme und an "Schwachsinn mittleren Grades" leide. Nebenbei wird deutlich, dass Richards das Kino liebte.
Die Haft verbrachte Richard Neumark bis zum 29. Mai 1940 im Gefängnis Altona, dann folgte die Einweisung in die Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn, wo sich sein Vater und sein älterer Bruder Karl-Heinz befanden.
Richards Strafakte liegt folgender Zettel bei: "Laut Mitteilung der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn ist Neumark auf Anordnung des Reichsinnenministeriums am 23. September 1940 nach Chelm bei Lublin, Schließfach 822, verlegt worden. Hamburg, den 5. März 1943. Der Oberstaatsanwalt bei dem Landgericht." Nach Chelm wurde jedoch keiner der Insassen von Langenhorn gebracht. Alle drei Familienmitglieder wurden an eben jenem Datum mit zahlreichen anderen Insassen Langenhorns im Zug in das Tötungslager Brandenburg verschleppt, wo sie noch am selben Tag durch Gas ermordet wurden.
Zwischen Dezember 1939 und Juli 1940 waren an mehreren Standorten in Deutschland so genannte Tötungsanstalten, darunter auch die Tötungsanstalt Brandenburg, eingerichtet worden. Dort wurden in als Duschen getarnten Gaskammern psychisch Kranke und geistig behinderte Menschen umgebracht. Man bezeichnete diese Morde als "Euthanasie". Die "Aktion T4" war eine solche Vernichtungsaktion, bei der Patienten, die aus der Sicht der Nazis als "unwertes Leben" galten, getötet wurden. "T4" war der Tarnname dieser Aktion, der auf die Berliner Bürozentrale der Euthanasie-Tarnorganisation, die ihren Sitz in der Tiergartenstraße 4 hatte, zurückgeht.
Richards Zwillingsbruder Walter Neumark wurde am 31. Oktober 1938 aus den Alsterdorfer Anstalten in die Oberaltenallee, und von dort aus im September 1940 nach Langenhorn verlegt, so dass er, anders als sein Vater und seine beiden Brüder, nicht von der Deportation vom 23. September 1940 nach Brandenburg betroffen war. Stattdessen wurde er am 21.04.1941 in die Jüdische Heil- und Pflegeanstalt Bendorf-Sayn verlegt. Dort wurden jüdische Geisteskranke, die nicht mit ihren nichtjüdischen Mitpatienten ermordet worden waren, zentral von der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland betreut. Die Patienten dieser Anstalt wurden im März 1942 deportiert und ermordet. So wurde auch Walter Neumark am 22.03.1942 in das Durchgangslager Izbica deportiert und dort offensichtlich getötet.
Noch am 16. September 1940 hatte sich die Abteilung für Zwillingsforschung des Universitätskrankenhauses Eppendorf für Richard und Walter Neumark interessiert, doch da war das Schicksal der beiden Brüder schon fest geplant und die Anfrage wurde nicht mehr berücksichtigt.
Das Ehepaar Anna und Edgar Neumark ist gemeinsam mit seinen drei Söhnen, Karl-Heinz, Richard und Walter, im Hamburger Gedenkbuch aufgeführt. Zu ihren Lebzeiten hatten sie nur nur kurze Zeitspannen zusammen verbracht.
Von Edgar Neumark wissen wir, dass er wegen psychischer Probleme behandelt wurde, noch bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Auch seine Söhne, die in den 1910er Jahren geboren wurden, waren offenbar in ihrer geistigen Entwicklung beeinträchtigt. Mit dem Aufstieg der NSDAP veränderte sich der Blick der Behörden auf die Familienmitglieder: Sie sahen nicht mehr hilfsbedürftige Personen, sondern Juden, die aus der deutschen Volksgemeinschaft ausgeschlossen werden sollten, und psychisch Kranke, die "unnütze Esser" waren und einen Homosexuellen, der aus Sicht der Machthaber eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellte. Diese Familie hatte im nationalsozialistisch geführten Deutschland keine Überlebenschance. Die geistige Behinderung der drei Söhne, die einer besonderen Unterstützung bedurft hätten, wurde als "volksgefährdend" bezeichnet und für "unheilbar" erklärt, bewusst überspitzt und maßlos übertrieben. Auch Richards Verurteilungen sind vor diesem Hintergrund zu sehen. Generell ist festzuhalten, dass keine noch so schwere "Krankheit" irgendjemandem das Recht gegeben hätte, die Familie Neumark zu deportieren und zu ermorden.
© Nelly Birgmeier, Sigurd Brieler, Anika Reineke
Quellen u. Literatur: Pers. Mitteilungen Dr. Wunder v. 18.1.2008; Friedländer, Henry: Der Weg zum NS-Genozid. Von der Euthanasie zur Endlösung. Berlin 1997;Hamburger jüdische Opfer des Nationalsozialismus. Gedenkbuch, Veröffentlichung aus dem Staatsarchiv Hamburg Bd. XV, bearbeitet von Jürgen Sielemann unter Mitarbeit von Paul Flamme, Hamburg 1995; StaHH, 522-1, Jüdische Gemeinden, 992b, Kultussteuerkartei der Deutsch-Israelitischen Gemeinde Hamburgs; Auskunft E-Mail v. 26.1.2008 Frau Thevs; StaHH, 213-11, Staatsanwaltschaft Landgericht Strafsachen 238/40; StaHH, 213-11, Staatsanwaltschaft Landgericht-Strafsachen 10.611/38; Wunder, Michael: Die Auflösung von Friedrichsberg-Hintergründe und Folgen. HÄ, 44 (1990); http://www.stgeorg-borgfelde.de/seiten/geschichte/der-stadtteil-borgfelde.php, letzter Zugriff am 20.01.2008; http://de.wikipedia.org/wiki/Borgfelde, letzter Zugriff am 20.01.2008; http://www.uke.uni-hamburg.de/ kliniken/ psychiatrie/ index_15716. php, letzter Zugriff am 17.02.2008.
Diese Biographie entstand im Rahmen des Projektes „Stolpersteine in Hamburg – biographische Spurensuche“ unter Leitung von Dr. Rita Bake (Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg) und Dr. Beate Meyer (Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Hamburg).