Adela Hoffnung, geb. Krzesny
* 3. April 1880 in Lautenburg/Westpreußen
Adele Gappe, geb. Hoffnung
* 3. Juli 1901 in Berlin
Ruth Gappe
* 4. Oktober 1928 in Breslau
Brauner Weg 41, Berlin-Friedrichshain
Als Auszeichnung für »Fleiß und Wohlverhalten« erhielt die 13-jährige Adele Hoffnung am 30. März 1914 Robert Hirschfelds Buch »Saronsrosen - Erzählungen und Gedichte für die reifere jüdische Jugend« (Berlin 1903). Adele war damals Schülerin der Klasse 3b an der Fünften Religionsschule der Jüdischen Gemeinde in Berlin und erhielt den grünen Leinenband als Prämie von ihrem Schulleiter Rabbi Dr. Malwin Warschauer und ihrem Klassenlehrer Herrn Traubenberg.
Vielleicht hätten auch ihre beiden Töchter Ilse (* 26. 9. 1924) und Ruth (* 4. 10. 1928) Jahre später einmal eine solche Anerkennung für gute schulische Leistungen erhalten. Doch aufgrund der Verfolgung durch die Nationalsozialisten mussten sie ihre Ausbildung an der Volksschule in Schweidnitz unterbrechen und konnten diese auch später nicht wieder aufnehmen. Ebenso wie ihre Mutter wurden die Mädchen von den Nationalsozialisten deportiert und kamen ums Leben.
Adele Hoffnung wurde am 3. Juli 1901 in Berlin als Tochter des Kaufmannes Samuel Hoffnung (* 3. 7. 1870) und dessen Frau Dorothea, geb. Tischler (* 23. 4. 1872), geboren. Sie war die zweitälteste von vier Schwestern: Johanna (* 14. 4. 1900), Rosa (* 26. 6. 1902) und Charlotte „Lotte“ (* 2. 10. 1907) kamen ebenfalls in Berlin zur Welt.
Bis zu ihrer Hochzeit mit Max Gappe am 29. Oktober 1923 in Berlin lebte Adele mit ihrer Familie in der Koppenstraße 75 in Berlin-Friedrichshain. Danach zog sie mit ihrem Mann ins niederschlesische Schweidnitz. Die beiden wohnten dort in der Kupferschmiedestraße 6. Max war als Kaufmann tätig, während Adele ihrem erlernten Beruf als Buchhalterin nachging. Knapp ein Jahr nach der Hochzeit kam das erste Kind zur Welt: Ilse Gappe wurde am 24. September 1924 geboren. Ihre Schwester Ruth erblickte vier Jahre später das Licht der Welt. Beide Kinder kamen im nächstgelegenen jüdischen Krankenhaus in Breslau zur Welt, denn in Schweidnitz gab es zu jener Zeit keine entsprechende Einrichtung.
Die Stadt, heute das polnische Świdnica, war schon im Mittelalter eine bedeutende jüdische Siedlung. Dennoch mussten sich ihre Bewohnerinnen und Bewohner seit jeher gegen antijüdische Übergriffe zur Wehr setzen: 1457 besiegelte ein Dekret des Böhmenkönigs Ladislaus Postumus das Ende der einst blühenden Gemeinde, demzufolge in deren Mauern niemals mehr ein Jude geduldet werden sollte. Erst 1799 war wieder ein Jude in Schweidnitz ansässig. Im 19. Jahrhundert wuchs die Zahl der jüdischen Familien in der Gemeinde stetig; nach der Reichsgründung von 1871 siedelten wieder rund 60 jüdische Familien in Schweidnitz. Eine Synagoge wurde errichtet und der jüdische Friedhof erweitert. Doch der Judenhaus blieb allgegenwärtig: Während einer Stadtverordnetensitzung im Februar 1918 debattierte man darüber, die Vergütung eines Predigers für mosaischen Religionsunterricht am Gymnasium zu erhöhen. Der Stadtverordnete Dr. Max Hertzog echauffierte sich über dieses Vorhaben und bekundete, die Stadt habe kein Interesse, die faulige Ethik und Moral des Judentums zu fördern. Er beharrte darauf, dass man die Ausbreitung dieser Moral nicht noch mit städtischen Mitteln fördern dürfe. Am Ende der Sitzung wurde die Anhebung der Unterrichtsvergütung jedoch gewährt. Während der Weimarer Republik sank die Zahl der jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner in Schweidnitz erneut. Lebten 1925 noch 130 Jüdinnen und Juden in der Stadt, waren es bis 1927 nur noch 123 und bis 1933 schließlich lediglich 114. Ein großer Teil von ihnen war im Handel und Gewerbe tätig – so auch Max Grappe. Doch mit der Machtübernahme Adolf Hitlers wurde die Arbeit zunehmend beschwerlicher: Mit dem im ganzen Reich angeordneten Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 kam auch das wirtschaftliche Leben der jüdischen Kaufleute in Schweidnitz schlagartig zum Erliegen. An jüdischen Arztpraxen oder Schulen prangten Schilder mit Aufschriften »Dieser Arzt ist Jude« oder »In dieser Schule unterrichten jüdische Lehrkräfte«. Erste Verhaftungen jüdischer Lehrerinnen fanden in Schweidnitz am 5. April 1933 statt. Einige jüdische Bewohnerinnen und Bewohner gaben ihre Heimat auf und verließen die Stadt, um nach Berlin zu gehen. Mit dem Erlass der »Nürnberger Gesetzte« von 1935 folgten sicher weitere. Bis 1937 sank die Zahl der jüdischen Bürgerinnen und Bürger in Schweidnitz auf 49.
Die antisemitische Übergriffe erreichten wie überall im Reich 9./10. November 1938 einen weiteren traurigen Höhepunkt. Auch die Familie Gappe blieb davon nicht verschont. Max Gappe wurde in Schweidnitz verhaftet und ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Zeitgleich wurden zahlreiche jüdische Geschäfte verwüstet, die Synagoge in Brand gesetzt und Gräber auf dem jüdischen Friedhof geschändet. Aus Angst, ihren Kindern könnte ein ähnliches Schicksal widerfahren wie dem Vater, entschied Adele Gappe, ihre beiden 10 und 14 Jahre alten Töchter Ruth und Ilse zu ihrer Tante Johanna und deren Mann Arnold Sandhaus (* 15. 11. 1900 in Przemyśl/Polen) ins niederländische Maastricht zu schicken. Johanna Hoffnung hatte den Kaufmann am 19. Dezember 1929 vermutlich in Berlin geheiratet. Die beiden lebten zwischen 1931 und 1933 in der Baumeisterstraße 2a im Bezirk Schöneberg. Am 5. Juli 1938 emigrierten sie und ließen sich im Scharnerweg 5 in Maastricht nieder.
Max Gappe wurde schließlich um die Jahreswende 1938/39 aus dem Konzentrationslager Buchenwald entlassen und kehrte zu seiner Frau zurück, die inzwischen im rund 50 Kilometer von Schweidnitz entfernten Breslau wohnte. Die KZ-Haft bewegte Max Gappe dazu, Deutschland zu verlassen. Anfang Juli 1939 brach er nach Shanghai auf. Die Stadt war für viele verzweifelte Jüdinnen und Juden der letzte Ausweg, denn hier konnten sie auch ohne ein Visum einreisen. Vermutlich traf Max Gappe bei seiner Ankunft in Shanghai auf desaströse Verhältnisse: Da die chinesischen Behörden kaum auf die große Zahl von Flüchtlingen aus dem Deutschen Reich vorbereitet waren, war nur wenig Platz für die Ankömmlinge vorhanden und die hygienischen Bedingungen im Flüchtlingslager waren schlecht. Dennoch plante Max Gappe von Anfang an, seine Töchter sowie seine Frau Adele schnellst möglich nachzuholen. Ein Familienpass war bereits ausgestellt. Dennoch plante Max von Anfang an, seine Töchter sowie seine Frau Adele schnellst möglich nachzuholen. Ein Familienpass war bereits ausgestellt. In einem Brief erinnert sich Max Gappe: »Ein sofortiges Mitkommen der anderen Familienmitglieder erwies sich in der Eile als unmoeglich, da die Kinder, wie erwaehnt, in Holland waren, die Mutter dieselben allein in Europa nicht zuruecklassen wollte und ihre Herbeiholung in der kurzen Frist, die mir fuer meine eigene Passage zur Verfuegung stand, nicht bewerkstelligt werden konnte.« (LABO Berlin, Entschädigungsakte, Nr. 355.639 (Ruth Gappe), Bl. M7.)
Adele zog zunächst zurück nach Berlin. Sie wohnte bei ihrem Vater Samuel Hoffnung, der nach dem Tod seiner Frau Dorothea, die am 22. Juli 1934 in Maastricht ihrer Diabetes-Erkrankung erlegen war, noch einmal geheiratet hatte. Mit seiner zweiten Frau Adela, geb. Krzesny (* 3. 4. 1880), lebte er im Braunen Weg 41 in Berlin-Friedrichshain. Im Frühjahr 1941 verfügte die deutsche Reichsregierung, dass alle jüdischen Kinder unter 15 Jahren, die sich im besetzten Holland aufhielten, zu ihren Familien nach Deutschland zurückzukehren hatten. Ruth Gappe wurde schließlich im April 1941 zu ihrer Mutter Adele und ihrem Großvater Samuel nach Berlin gebracht. Ilse Gappe blieb bei ihrer Tante Johanna Sandhaus in Maastricht.
Ihren erlernten Beruf als Buchhalterin konnte Adele Gappe in Berlin nicht mehr ausüben. Stattdessen wurde sie zur Zwangsarbeit im Unternehmen von Kurt Seidel in der Bülowstraße 66 im Bezirk Schöneberg verpflichtet. Als Handnäherin stellte sie Militärausrüstungen für die Nationalsozialisten her. Nur kurze Zeit nach der Rückkehr ihrer Tochter Ruth nach Berlin verstarb Adeles Vater Samuel Hoffnung am 23. Juli 1941 im Jüdischen Krakenhaus. Adele und ihre Tochter waren von nun an auf sich allein gestellt, denn auch ihre Schwestern Johanna, Charlotte und Rosa waren emigriert: Rosa, die inzwischen verheiratet war und Herkus hieß, hatte bereits Anfang 1935 das Deutsche Reich verlassen und war nach Palästina gegangen. Bis zu ihrer Auswanderung hatte sie im Haus ihrer Tante Friederike Elise Tischler in Schweidnitz gewohnt. Ob Adele Gappe 1941 noch Kontakt zu ihrer Schwester Rosa hatte, ist nicht bekannt. Johanna Sandhaus wurde am 22. Dezember 1943 nach Neustadt an der Weinstraße gebracht und überlebte dort den Krieg. Ihr Mann Arnold Sandhaus kam vermutlich am 3. März 1945 im Konzentrationslager Mauthausen ums Leben. Schließlich wanderte seine Frau Johanna am 23. Dezember 1952 nach San Francisco aus und heiratete Werner Herrmann. Sie verstarb am 15. Mai 1973 in San Francisco. Über Charlotte Schwarz ist nur wenig bekannt. Sie war ebenfalls nach Palästina emigriert; später legte sie für ihren verstorbenen Vater Samuel Hoffnung ein Gedenkblatt in Yad Vashem an. Womöglich wusste sie nichts von dessen Tod im Jüdischen Krankenhaus Berlin und vermutete stattdessen seine Deportation.
Max Gappe stand noch bis November 1941 in brieflichem Kontakt mit seiner Frau Adele und erfuhr vermutlich durch ihre Briefe, dass sie und ihre Tochter Ruth seit dem 19. September 1941 verpflichtet waren, den sogenannten Judenstern zu tragen, was ihre Bewegungsfreiheit erheblich einschränkte. Auch die wirtschaftliche Situation seiner Lieben in Berlin war gegen Ende des Jahres 1941 schlecht: Adele Gappe war nur mit wenig Hab und Gut von Breslau nach Berlin gezogen. Den größten Teil musste sie an den zuständigen Oberfinanzpräsidenten abtreten. Aus einem Schreiben vom 29. Dezember 1943 geht hervor, dass der Erlös aus dem Umzugsgut der Familie Gappe gerade einmal 244,35 Reichsmark betragen hatte. Auch in den Jahren danach besaß Adele Gappe kaum Dinge von Wert. In den Akten des Berliner Oberfinanzpräsidenten vom 13. November 1941 ist unter anderem überliefert, dass sie zwei Reisekoffer, verschiedenes Werkzeug und einen Sommermantel besaß. Ihr Gesamtvermögen belief sich zum damaligen Zeitpunkt auf ihre letzte Lohnzahlung. Nur einen Tag nachdem sie dieses Formular ausgefüllt hatte, wurde Adele Gappe zusammen mit ihrer 13-jährigen Tochter Ruth und Adela Hoffnung, der zweiten Frau ihres Vaters, aus ihrer Berliner Wohnung im Braunen Weg 41 abgeholt und nach Minsk verschleppt. Ihr weiteres Schicksal ist unbekannt.
Max Gappe erfuhr aus einer Postkarte von seinem Schwager Josef Schrimmer aus Prenzlau, dass seine Frau und seine jüngste Tochter Ruth deportiert worden waren. Die Nachricht erreichte ihn im Dezember 1941 in Shanghai. Nur wenige Monate später, im Juli 1942, wurde auch sein zweites Kind, Ilse Gappe, von Maastricht aus deportiert und am 14. September 1942 im Vernichtungslager Auschwitz ermordet. Max Gappe kehrte nach Kriegsende nach Breslau zurück. Vielleicht hoffte er, dass seine Frau und Kinder überlebt hätten. Anfang der 1950er-Jahre wanderte er schließlich nach Israel aus und ließ sich in Haifa nieder.
Erstellt von Jördis Lüdke