Das Vorkriegsleben
Sima Margolina wurde 1931 in einer großen jüdischen Familie in kleiner Ortschaft Usda geboren. Diese städtische Siedlung war richtig multinational. Dort wohnten Weißrussen, Russen, Tataren und Polen. Alle Einwohner waren friedlich und freundschaftlich gegeneinander gestimmt, ohne Rücksicht auf die nationale Angehörigkeit zu nehmen. Margolins hatten drei Töchter, Sima war die älteste von ihnen. Der Vater machte sich an jede Arbeit, um die Familie zu unterhalten. Die Mutter besorgte den Haushalt. Ihre damaligen Lebensbedingungen kann man als recht bescheiden und dürftig bezeichnen. Im häuslichen Kreis wurde Jiddisch gesprochen. Ihre Großeltern wohnten in der Nähe, und beide waren äußerst fromm.
Der Kriegsbeginn
Im Sommer 1939 wurde der Vater in die Armee einberufen. Er beteiligte sich an zwei Kriegen: in Polen und in Finnland.
Ende Mai 1941 begannen für Sima Margolina ihre Sommerschulferien. Kein Mensch konnte damals ahnen, wie sich das Leben weiterentwickelt. Besonders beunruhigt und aufgeregt wurden die Einwohner von Usda, als jüdische Flüchtlinge aus Polen gekommen waren. Sima Margolina kann sich noch heute daran erinnern, wie sie die hiesigen Juden warnten: »Ihr müßt fliehen, denn Deutsche kommen in die Sowjetunion und vernichten alle Juden.« (Margolina S.: Am Leben bleiben, Minsk 2010, S. 23) In der Familie Margolin begann man von der Evakuierung zu reden, doch sie hatten kein Fahrzeug und konnten das zeitlich nicht schaffen. Bald kamen deutsche Truppen in die Ortschaft, und schon Ende Juli wurde der Erlass veröffentlicht, dass alle Juden ins Ghetto im Laufe von zwei Tagen umsiedeln sollten.
Das Leben im Minsker Ghetto
Sima Margolina erinnert sich an die Lebensbedingungen ihrer Familie im Ghetto wie folgt: »Schon in den ersten Tagen des Ghettobestehens waren die Lebensbedingungen fürchterlich, denn die Insassen waren absolut getrennt von der Außenwelt, lebten in Gedrängtheit und unter Raummangel, hatten andauernd Angst vor Blutbad und Gemetzel, der durch bedrohlich Gerüchte ständig gestärkt wurde.« (Margolina S.: Am Leben bleiben, S. 26) Den ersten Pogrom überlebte Sima mit ihren Schwestern und der Mutter im sogenannten »Malina«, einem extra vorbereiteten Versteck. Ihr Vater und der Onkel versteckten sich rechtzeitig in einer Scheune, doch beide verschwanden später spurlos. Die Großeltern wollten sich gar nicht verstecken und wurden im Hof ihres Hauses erschossen.
Nach diesem Pogrom wurden die überlebten Margolins ins Minsker Ghetto gerichtet. Dort wurden sie in einem nur 3 Quadratmeter kleinen Durchgangszimmern in einem Mehrfamilienhaus in der Ratomskaja-Straße untergebracht. Bald darauf waren sie auch dort gezwungen, sich während der Pogrome im »Malina« zu verstecken. Sima Margolina erinnert sich: »Der Versteck war für 5-6 Mann gedacht, doch wir waren dort zu 10-12 vollgestopft, darunter kleine Kinder und alte Leute. Wir standen dicht aneinander zusammengepresst, ganz Körper war eingeschlafen, keiner konnte sich bewegen, und das war absolut unmöglich, man hatte Durst.« (Margolina S.: Am Leben bleiben, S. 23) Während eines der nächsten Pogrome verlor Sima Margolina ihre Mutter, die Schwestern Nina und Berta, den Onkel Moruch und die Tante Rosa. Anfang 1943 folgte auch der Tod ihrer Tante Selda, die ernsthaft erkrankte im Ghetto.
Die Flucht aus dem Minsker Ghetto
Kurz vor der Aufhebung des Minsker Ghettos wurde Sima Margolina von einer Bäuerin in das nahegelegene Vorwerk gebracht. Diese gutherzige Frau Stefanie kam zum Markt und begegnete dort im »russischen Viertel« einem herumtreibenden Mädchen. Sie wollte auf einmal diesem Kind helfen. Die Retterin gewährte dem Mädchen die Unterkunft in ihrem Gehöft. Aus Dankbarkeit und Anerkennung kam Sima bei jeder Bauernarbeit und im Haushalt zu Hilfe. Während des Aufenthalts bei Stefanie wurde die jüdische Herkunft Simas und ihre Ghettoflucht von den Dorfeinwohnern behutsam geheim gehalten.
Die Befreiung und das Nachkriegsleben
Nach der Befreiung kam Sima Margolina in ihre Heimatortschaft Usda zurück. Ihr Vater wartete schon auf sie, es glückte ihm in einer Partisanentruppe seine Rettung gefunden zu haben. 1948 beendete Sima Margolina die weißrussische Mittelschule und beschloss, die Universität zu beziehen. In ihrem Gedächtnis für ihr ganzes Leben wurde Vaters Warnung von der Ausfüllung des Bewerberfragebogens stark eingeprägt: »In der Spalte von dem Aufenthaltsort in den Kriegsjahren darfst du keinesfalls schreiben, dass du dich im Ghetto befunden hast, auch kein Wort davon in deinem Lebenslauf, sonst wirst bestimmt du nicht aufgenommen..« (Margolina S.: Am Leben bleiben, S. 84) Nach dem Abschluss der Universität arbeitete Sima Margolina erst als Lehrerin und dann als Bibliographin.
Öffentliches Engagement
Sima Margolina gehört nun zum Verbandsrat ehemaliger Ghettoinsassen und KZ-Häftlinge. Sie ist an der Aufklärungs- und Erziehungsarbeit unter Schülern und Studenten aktiv beteiligt, hat ständige Kontakte mit dem weißrussisch-deutschen Bildungszentrum und der »Geschichtswerkstatt«, die ihre Erinnerungen veröffentlichte.
Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk