Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Vseljubskaja Tatjana

Vseljubskaja Tatjana

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
Minsk
Beruf 
Lehrerin
Unterbringung/Inhaftierung 
Minsker Ghetto
Schicksal 
Gerettet von den Gerechten unter den Völkern
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Vorkriegsleben

Tatjana Vseljubskaja, geb. Gurevič, wurde am 28. März 1935 in Minsk geboren. Bis zum Kriegsanfang wohnte Tatjana mit ihrem Vater Kalman Gillerovič, ihrer Mutter Mera Chaimovna Magid und der älteren Schwester (geb. 1932) in der Torgovaja-Str.

Der Kriegsbeginn

Am Anfang des Krieges war der Kindergarten, den Tatjana, ihr Vetter und ihre Kusine besuchten, in einem Ferienlager außerhalb der Stadt, die ältere Schwester war bei ihrer Tante, der Schwester ihrer Mutter. Kalman Gillerovič und Mera Chaimovna hatten bereits am ersten Kriegstag die Möglichkeit ihre Tochter zurück nach Minsk zu holen. Aber auf Rat einer Mitarbeiterin des Kindergartens und um die Panik zu verhindern, lehnten sie diese Idee ab. Bald wurde der Vater von Tatjana einberufen, die Mutter arbeitete in einem Betrieb weiter. Nach den schweren Bombenangriffen versuchte die Mutter ihre Tochter zu erreichen. Die Antwort von den Militärs lautete, dass alle Kinder evakuiert waren, dann begab sie sich Richtung Smolensk zu ihrer Schwester.

An ihre Evakuierung aus dem Ferienlager nach Minsk erinnert sich Tatjana so: »[…]Wir wurden auf den offenen Flachwagen aus dem Landhaus gefahren. Nicht weit von Minsk wurde die Eisenbahnlinie durch den deutschen Luftangriff zerbombt. Man ließ uns aussteigen und brachte in den Wald, wo uns versprochen wurde, dass wir nach der Instandsetzung der Linie abgeholt werden. Anscheinend wurden wir da vergessen. So blieben wir kleine Kinder alleine mit ihren Erzieherinnen weit von den Siedlungen. Als wir zu Fuß das nächste Dorf erreichten, waren da schon Deutschen.« (Arkad'eva O.M., Heller-Martynova L.L., Kurdadze K.S., Rudakovskaja D.I.(Hrsg.): »... An der Schicksalskreuzung«, Minsk 2001, S. 10) Schließlich gelang es den Kindern mit Hilfe der Bekannten der Eltern nach Minsk zu kommen.

Das Leben im Ghetto

Im Ghetto war Tatjana zusammen mit ihrer Tante Iochaj und deren Kindern. Sie waren da im Gebäude der ehemaligen Schule untergebracht. Tatjana Gurevitsch war Zeugin von zwei Pogromen. Im ersten blieb sie und ihre Verwandten verschont: ein Begleitsoldat sah »eine Frau mit dem Kind auf den Armen, das kaum zwei Jahre alt war, und noch vier um sie herum, die sie am Mantelschoß hielten […]«, er erbarmte sich und ließ sie frei. Den zweiten Pogrom beschreibt Tatjana so: »Als die Deutschen an einem früheren Morgen bei uns eindrangen und alle nach draußen jagten, so half mir Lenja, mein Vetter, sich schnell anzuziehen, nahm mich an der Hand und stellte sich in die Kolonne der Arbeiterfamilien. […] Die Tante mit drei Kindern wurde in einen schwarzen gedeckten LKW gesteckt. Sie sah uns zwar, ließ sich aber nichts merken, rief uns nicht zu sich. Als sich die Kolonne der Arbeiterfamilien auf den Weg machte, stellte sich heraus, dass wir ohne Eltern sind. Begleitposten wollten uns in das jüdische Kinderheim im Ghetto abgeben, Lenja sagte aber entschlossen, dass wir dahin nicht gehen. Die Kolonne sollten wir verlassen und blieben alleine.« (Ebd., S. 11)

Die Flucht aus dem Ghetto

Durch ein Wunder überlebte Kinder fanden ein Loch in der Umzäunung und verließen das Ghetto. Am Anfang versuchten sie die Zuflucht in der Wohnung zu finden, wo früher die Familie von Tatjana wohnte, als sie erfuhren, dass daneben ein Polizist wohnt, trauten sie sich nicht mehr reinzugehen. Danach begaben sie sich zu der früheren Wohnung von Lenja. Die Nachbarn waren einverstanden zu helfen, aber nur einem Kind – Lenja. Tatjana sollte das Obdach und die Ernährung weiter suchen. Sie hatte Glück wieder, die Familie Svetlikov-Glušenkov beherbergte sie. Die neuen Eltern Stefanida Kuz'minična und Nikolaj Kornejevič sorgten für die kleine Tatjana: Für die Ausstellung der Unterlagen wurde sie getauft, danach schickten sie sie in die Schule.

Die Befreiung

Nach der Befreiung von Minsk fand Tatjana ihr Onkel Anatolij Chajmovič Magid, später auch ihre Mutter.

Tatjana Kalmanovna absolvierte das Studium an der Fakultät für Physik und Mathematik, war als Lehrerin in unterschiedlichen Lehranstalten tätig. 1956 heiratete sie und brachte drei Töchter zur Welt. Die erste starb im jüngeren Alter, die zweite kam in einem Unfall ums Leben, die dritte wohnt mit ihrer Familie in Minsk. In der Nachkriegszeit half sie auf jede Weise ihrer Retterin Stefanida Svetlikov-Glušenkov, sie hielt sie für ihre zweite Mutter.

1999 erhielten Stefanida Kuz'minična und Nikolaj Kornejevič postum den Ehrentitel Gerechte unter den Völkern.

Zusammengesetz von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt anhand der Erinnerungen von Tatjana Kalmanovna Vseljubskaja, veröffentlicht in dem Buch »... Auf dem Kreuzweg der Schicksäle.«