Das Vorkriegsleben
Wladimir Trachtenberg wurde am 21. August 1938 in der Stadt Mogilew geboren. Sein Vater ist Laser Trachtenberg, geboren 1913, vom Beruf Setzer. Sein Mutter Lisa Moros, geboren 1917, vom Beruf ebenfalls Setzerin. Vor dem Krieg wurde der Vater von Wladimir in ein kleines Städtchen in der Umgebung von Minsk, nach Stolbzy als Direktor der Druckerei, versetzt. An diesem Ort war die Familie, als der Krieg ausbrach.
Der Kriegsbeginn
Da in Minsk Wladimirs Vaters Verwandten wohnten, brachte er sofort die Familie nach Minsk. Aber zu dem Zeitpunkt, als sie nach Minsk kamen, waren seine Verwandten schon evakuiert. Wladimirs Vater wurde zum Militär eingezogen. Da die Familie in der Chlebnaja-Straße wohnte, wurde sie sofort nach dem Erlass über die Ghetto-Einrichtung in die Ghetto-Grenzen geraten. Wladimir war damals noch nicht einmal drei Jahre alt.
Das Leben im Minsker Ghetto
Ins Haus von der Familie Trachtenberg zogen viele Menschen um. Es gab auf dem Boden kaum noch Platz zum schlafen. Die ersten Monate verliefen ruhig. Irgendwann wurde Wladimirs Mutter dann regelmäßig zur Arbeit abgeholt. Sie musste dort Sachen aufladen, Bretter, Holzbalken, Steine usw. Sie musste auch bei der Gestapo arbeiten und von dort Leichen abtransportieren. Wladimir kann sich gut erinnern, dass das Ghetto mit einem Stacheldraht umzäunt war. Einmal nahm Wladimirs Mutter ihn an die Hand und sie stiegen zusammen in den Keller. In diesem Keller saßen sie mit anderen Leuten. Wladimir erinnert noch gut an die Dunkelheit, diese Schwärze, in der er sich plötzlich befand. Wladimir erinnert auch an eine Holzkonstruktion: »Hinter dieser Holzkonstruktion versteckte mich meine Mutter und sagte: »Für alle Fälle bleibst du jetzt erst mal hier sitzen und bist still“. Plötzlich loderte eine helle Flame auf, man hörte ein lautes Krachen, und die Leute fingen an zu schreien.« (Projektgruppe Belarus: „Existiert das Ghetto noch?“, Berlin 2003,S. 59) Die Wladimirs Mutter presste ihn an sich und sie saßen ganz still da. Die Leute wollten aus dem Keller heraus. Manche wurden herausgezogen, viele schrien. Es war ein schrecklicher Lärm, aber Wladimir saß nur da mit seiner Mutter, und sie sagte: »Wir gehen nicht, bleib hier sitzen und sei still.« Später erzählte Wladimirs Mutter, dass man eine Granate in die „Malina“ geworfen hat. Als Wladimir mit seiner Mutter ans Tageslicht kam, war ein Teil des Hauses zerstört und sie zogen in ein anderes Haus in der Nähe in der Tankowaja-Straße. Auf solcher Weise überlebten sie die erste Mordaktion im Ghetto. Wladimir erinnert an ständiger Hunger und an die Gaswagen erinnert er: »Meine Mutter sagte mir immer, ich sollte mich sofort verstecken, wenn ich das Auto sähe, egal wo. Man nannte sie bei uns „Duschegubka“.« (Ebenda, S. 61) Wladimir war vom ersten bis zum letzten Tag im Ghetto. Er ist nur deshalb am Leben geblieben, weil man seiner Mutter und anderen Frauen am letzten Tag, als Ghetto geschlossen werden sollte, erlaubt hatte, Kinder zur Arbeit mitzunehmen. Wladimir erinnert, als der deutsche Vorarbeiter sagte, dass an diesem Tag das letzte Pogrom im Ghetto stattfinden würde. »Lauft, so weit ihr könnt. Morgen bin ich gezwungen, euch der Gestapo zu übergeben.« (Ebenda, S. 62) Wladimir mit seiner Mutter und noch mit anderen Frauen und Kindern wegliefen und sich in einem Schuppen versteckten. Am nächsten Tag haben sie auf das Dach eines Güterwagons geklettert und mitgefahren, dann gingen sie noch lange zu Fuß und kamen zum Dorf wo Partisanen waren.
Das Leben im Partisanenlager
Sie kamen zum Partisanenverband von Sorin. Das war eine ausgesprochene Familien-Partisanengruppe, mit Alten, Frauen und Kindern. Die kämpften nicht, die versteckten sich. Die Lebensbedingungen im Partisanenlager bezeichnet Wladimir als schlecht. Sie lebten in großen Erdhütten, in denen immer sehr viele Leute waren, schliefen auf den Pritschenreihen. Wladimir half seiner Mutter in der Küche und bei den anderen Arbeiten. Ende 1943 wurde seine Mutter vom überregionalen Bezirkszentrum von Stolbzy in die Untergrunddruckerei eingeladen, wo sie als Setzerin tätig war.
Kriegsende und Nachkriegsleben
Das Kriegsende hat Wladimir in Stolbzy erlebt. An diesem Moment kann er sehr gut erinnern: Nachts hörte man plötzlich eine heftige Schießerei, man sah Raketen leuchten, Scheinwerfer und dergleichen. Ich war erschrocken und kroch unter das Bett. Aber da sagte meine Mutter: »Komm raus, der Krieg ist vorbei, das ist der Sieg. Es war unglaublich, wie die Menschen sich freuten…« 1945 ist Wladimir in die erste Klasse gekommen, danach die medizinische Hochschule absolviert und arbeitete als Arzt. Wladimirs Vater wurde mehrmals an der Front verwundert und war Invalide, 1981 ist er gestorben. Nach dem Krieg ist noch Wladimirs Schwester Sofa geboren. Später ist sie mit Mutter nach Israel ausgewandert.