Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Smirnova Vera

Smirnova Vera

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
Minsk
Beruf 
unbekannt
Unterbringung/Inhaftierung 
Minsker Ghetto
Schicksal 
Befreit durch amerikanische Truppen
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Vorkriegsleben

Vera Vladimirovna Smirnova, geborene Rosenberg, wurde 1928 in Minsk geboren. In den Vorkriegsjahren gehörten zu ihrer Familie der Vater Wulf, die Mutter Rosa, drei Brüder, die Schwester Berta mit ihrem Mann und Vera. Alle zusammen wohnten sie in Minsk in einer Dreizimmerwohnung in der Kollektornaja-Straße 3. Die Familie wurde vom Vater unterhalten, der als Ladearbeiter am Bahnhof tätig war. Zwei ältere Brüder verdienten ihren Lebensunterhalt selbst. Im häuslichen Kreis wurde Jiddisch gesprochen. Vor dem Kriegssausbruch beendete Vera die 5. Klasse einer Schule, in der in Russisch unterrichtet wurde. Sehr gern hatte sie Tanzen.

Der Kriegsbeginn

Rosenbergs dachten gar nicht an den Krieg, deswegen war sein Beginn für alle Familienmitglieder eine Überraschung. Sie versuchten evakuiert zu werden, doch es war schon zu spät.

Das Leben im Minsker Ghetto

Im Getto fand die Familie ihr Obdach in einem Kellerraum in der Respublikanskaja-Straße. Ihr damaliges Leben beschreibt Vera Smirnova wie folgt: »Alle Gettoinsassen wußten genau, dass sie dem Untergang geweiht sind. Es war strengst verboten, ohne extra aufgesetzten gelben Flicken die Wohnungen zu verlassen. Überall an den Mauern waren Vorschriften mit Mahnungen aufgeklebt, dass jede Person zu erschießen ist, die den Juden Obdach und Versteck gewährt.« (Arkad'eva O.M., Heller-Martynova L.L., Kurdadze K.S., Rudakovskaja D.I.(Hrsg.): ... An der Schicksalskreuzung, Minsk 2001, S. 196.) Es mangelte ständig an Brennholz, Seife, an Wasser und Lebensmittel. Die Familie wurde von der kleinen Vera vor dem Hungertod gerettet, denn sie sah etwa slawisch aus und besuchte selbständig oder mit den Arbeiterkolonnen das sogenannte »russische Viertel«. Sie machte den gelben Judenzeichen von ihrer Kleidung weg und bettelte oder tauschte unsere Sachen gegen Lebensmittel.

Während einer Razzia Ende 1941 wurden der Vater und zwei Brüder festgenommen und in unbekannter Richtung abgeführt. Die Umstände ihres Todes bleiben bis heute unbekannt.

1942 konnte Vera ins Getto nach einem ihrer Besuche im russischen Viertel nicht zurückkommen. Das ganze Territorium war von bewaffneten Wachmannschaften und Kastenwagen umzingelt, die Schüsse knallten. Nachdem es ruhig wurde, kehrte sie ins Getto zurück und sah ein unauslöschliches Bild: »Der Hof meines Hauses war voll von Leichen. Da lag die gesamte Familie Branskij: Ljuba, Manja und ihr kleines Kind. Ich erkannte zwei ihre ältere Söhne Mischa und Tolja, sowie meine Schwester Berta und ihre kleine Tochter, die nur sechs Monate alt war. Sie wurde im Getto geboren, und ich brachte für sie immer kleine Fläschchen Milch aus der Stadt. Blutüberströmt lag die Kleine auf der Brust seiner Mutter. Meine Schwester hat sie wohl vor dem Mord gestillt. Ich war damals ganz außer Kraft und dachte, dass ich diese grausame Zeit nicht überlebe…« (An der Schicksalskreuzung, S. 196.) Die Mutter und Veras Bruder konnten ihr Leben glücklicherweise retten, indem sie sich in ihrer Scheune in einem tiefen Erdloch versteckten. Nach diesen brutalen Ereignissen fingen Vera, ihre Mutter und der Bruder an, ihre Flucht zu planen.

Die Flucht aus dem Minsker Ghetto

Am 24. September 1943 gelang es ihnen durch die Zaunlöcher und auf geheimen Wegen aus dem Getto in die Partisanentruppe »Mstitel'« (Rächer) zu fliehen. Dort wurde Vera Vladimirovna Aufklärerin.

Einmal geriet sie im Auftrag der Partisanen in die Stadt Minsk und wurde von Gestapo verhaftet. Sie erlebte dort lange Verhöre, fast immer mit Prügel begleitet. Später wurde Vera Smirnova und andere Inhaftierte mit Güterwagen ins KZ Majdanek gebracht. Sie hielt sich dort aber nicht lange auf, denn bald erfolgte ihre Überführung ins KZ Auschwitz, in dem sie insgesamt ein Jahr und acht Monate verbrachte. Ihre Aufenthalt im KZ beschreibt Vera wie folgt: »Jeden Morgen, wenn die Häftlinge aufwachte, sahen sie rauchende Schlöte des Krematoriums. Sie waren elf oder zwölf insgesamt. Die Öfen brannten Tag und Nacht. [...] Täglich [...] konnte man Leichenstapel an den Baracken sehen, denn man schaffte es nicht, sie rechtzeitig wegzubringen und zu verbrennen. [...] Das war ein unmenschliches Leben!« (An der Schicksalskreuzung, S. 197.) Im KZ hatte Vera Vladimirovna schwere körperliche Arbeit auszuführen: die Häftlinge gruben tiefe Gräben, zerstückelten alte Ziegelsteine, beluden und schleppen die Loren mit Kies. In Auschwitz wurde sie am Typhus krank und geriet ins Lazarett. Mit der Genesung wurde sie erst ins KZ Ravensbrück und dann nach Neustadt überführt.

Die Befreiung

Am 2. Mai 1945 kam die Befreiung durch amerikanische Truppen. Durch Polen kehrte Vera Smirnova nach Minsk in seine Wohnung in der Kollektornaja-Straße zurück. Dort traf sie mit ihrer Mutter und dem Bruder zusammen, die es gar nicht erhofften, dass sie noch am Leben ist. Die überlebten Mitglieder der Familie Rosenberg fingen mit dem Aufbau ihres friedlichen Lebens an.

http://collections.ushmm.org/search/catalog/irn510596

Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk