Das Vorkriegsleben
Nikolaj Šmelʹkin wurde am 12. November 1928 in einer jüdischen Familie in Minsk geboren. Er war der älteste von vier Brüdern. Sein Vater war ein bekannter Geigenmusiker und spielte im Duett »Navickij i Šmelʹkin«. Seine Mutter war als Ärztin im Zentralen Krankenhaus tätig. Nikolaj zeigte sich noch im jungen Alter als talentierter Musiker. Er lernte Geige spielen bei einem französischen Lehrer und wurde schon mit elf Jahren in eine professionelle Musikschule aufgenommen. Darüber erzählte er im Interview sehr stolz.
Der Kriegsbeginn
Im Juni 1941 war sein Vater auf einer Konzertreise in Moskau. Zu dem Zeitpunkt wohnten die Großeltern mütterlicherseits aus Mahiljeu auch mit Nikolajs Familie in Minsk. Die Familie wohnte in einer Wohnung auf der Surazhskaja Straße nähe Station Tavarnaja. Am 22. Juni wurde seine Mutter mit dem Personal des Krankenhauses evakuiert. So blieb Nikolaj Šmelʹkin ohne Eltern im okkupierten Minsk. Mit drei jüngeren Brüdern und Großeltern. »Irgendwann kam ich nach Hause und erzählte, dass die Deutschen eine Anzeige aufgehängt haben, dass alle ʹZhidyʹ (Juden auf Polnisch), ʹZhidyʹ? Ich wusste nicht einmal, was dieses Wort bedeutet! Dass alle Juden in ein anderes Viertel umziehen müssen. So fing es an...«
Das Leben im Minsker Ghetto
Seine Tante konnte ein Zimmer im Ghetto für das große Familienhaus umtauschen. So wurden die Großeltern und vier Brüder zusammen mit der Familie seiner Tante in einem Zimmer im Ghetto untergebracht. Nikolaj erzählt, dass er dank seinem Aussehen (»Ich war klein, unauffällig und hellhaarig«) oftmals aus dem Ghetto in die Stadt geflohen ist. Dort bekam er von seinen Nachbarn Essen. Damit versorgte er die Familie im Ghetto. Bald erfuhr die Familie vom Judenrat, dass es ein Waisenheim im Ghetto gibt. Nikolajs Tante dachte, dass es da eine Versorgung für Kinder geben wird und brachte seine vier Brüder dort hin. »Aber es gab nichts in diesem Waisenheim, keine Versorgung, kein Unterricht, nichts« – sagte Nikolaj Šmelʹkin im Interview. Er machte eine Pause und sagte entschieden: »So, ich muss jetzt rauchen, weil ich mich an all das wieder erinnern muss.« Er zündete eine Zigarette an. »Das letzte Mal habe ich meine Tante getroffen und sie teilte mir mit, dass Opa sich das Leben genommen hatte. Sie werden mich nicht ermorden, sagte er.« Seine drei jüngeren Brüder, seine Oma und seine Tante gingen im Ghetto verschollen. Im Interview sagte Nikolaj dazu, dass er im März oder April 1942 aus dem Ghetto geflohen ist. »Und zu dem Zeitpunkt war von meiner Familie im Ghetto keiner am Leben.«
Die Flucht aus dem Minsker Ghetto
Jemand hat Nikolaj empfohlen, aus dem Ghetto zu fliehen und in West-Belarus zu untertauchen. In den Ruinen eines Hauses in Minsk fand er den Pass von Ihar Kamotskij. Er nahm den Pass mit und floh aus Minsk zur alten Grenze zwischen West und Ost Belarus. In einem Bauernhaus im Dorf Marozaviczy Nähe Ivianec fand er eine Unterkunft als Hüter. Nikolaj Šmelʹkin erzählt mit Humor über seine durch sowjetische Propaganda geprägte Überraschung, in West-Belarus einen Bauernhof mit drei Kühen, zwei Pferden und 15 Schafen zu entdecken. Laut Propaganda sollten die Menschen in West-Belarus verhungern. Er konvertierte zum Katholizismus, nahm den Namen Ignasʹ an und bekam mit seinem falschen Pass einen neuen Ausweis bei der deutschen Zivilverwaltung in Rubiazheviczy. Nikolaj erzählt, wie er die Arbeitskolonne von Juden gesehen habe und hörte den Gesprächen auf Jiddisch zu. Die Menschen in der Kolonne erzählten auf Jiddisch, dass sie gehört haben, dass eine Vernichtungsaktion gegen die Juden geplant sei. Nikolaj Šmelʹkin hörte das Gespräch und verstand alles, konnte aber nichts sagen, um nicht entdeckt zu werden. Bald danach erfuhr er, dass die Juden von der Nachbarstadt Rubiazheviczy ermordet worden waren.
Die Befreiung und das Nachkriegsleben
Auf diesem Bauernhof blieb Nikolaj Šmelʹkin bis zur Befreiung von Belarus. Erst im September machte er sich auf den Weg nach Minsk. Dort traf er seine Eltern, die zusammen mit Operntheater nach Minsk zurückgekehrt sind. Sie hatten sich in Kasachstan getroffen und hatten schon einen einjährigen Sohn. Nikolaj Šmelʹkin hat seine musikalische Ausbildung als Zimbelspieler und Musiker des symphonischen Orchesters in Minsk abgeschlossen. Er gründete eine eigene Familie und im Jahr 1949 kam seine erste Tochter zur Welt, 1955 sein Sohn und 1957 seine zweite Tochter. Ende der 1980er Jahre wollten seine Kinder, dass er den Antrag auf eine Ausreise nach Israel stellt. Aber der Sohn wollte lieber nach Deutschland gehen. So kam es dazu, dass seine zwei Töchter nach Israel ausgewandert sind. Und Nikolaj Šmelʹkin kam mit seiner Frau Lena und der Familie seines Sohnes 1993 nach Berlin.
Erstellt von Alesja Belanovich-Petz