Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Reismann Frida

Reismann Frida

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
Minsk
Beruf 
Arbeiterin in einer Trikotagenfabrik
Deportationsdatum 
1941 Juli
Unterbringung/Inhaftierung 
Minsker Ghetto
Schicksal 
Rettung durch Flucht zu den Partisanen
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Vorkriegsleben

Frida Wulfowna Reismann wurde 1935 in einer jüdischen Familie in Minsk geboren. Sie mieteten eine kleine Zweiraumwohnung in der Mjasnikow-Strasse. Ihr Vater, Wulf Reismann, arbeitete in einer Schuhfabrik, und die Mutter, Dora Kyselevna, in einem Geschäft. Beide verdienten nicht viel, deswegen war die Familie ganz bescheiden versorgt. Fridas Mutter war äußerst gläubig, der Vater dagegen – Kommunist. Zu Hause wurde Jiddisch gesprochen. Zwei ältere Brüder, Kusche Lejser (Lazarus) und Avroom Mejschke (Michael), besuchten die Schule, Frida ging in den Kindergarten. 1940 zog die Familie nach Białystok um, denn Fridas Vater wurde dort als technischer Direktor einer Gerberei angestellt. Der älteste Bruder Lazarus konnte sich an dortige Gegebenheiten nicht gewöhnen und kehrte bald nach Minsk zurück. http://shtetle.co.il/shtetls_minsk/minsk/reizman.html

Der Kriegsbeginn

Frida, ihre Mutter und der ältere Bruder Michael hielten sich zu Kriegsbeginn allein in Białystok auf, weil der Vater kurz vor Kriegsausbruch in ein litauisches Sanatorium fuhr. Dora Kyselevna Reismann beschloss nach Minsk, in ihre Heimatstadt, zurückzukehren. Frida erinnert sich an den Weg, den sie mit ihrer Familie meistens zu Fuß zurückgelegt hatte: »Ringsherum lagen Trümmer, und deutsche Soldaten marschierten. Der Weg nach Minsk dauerte zwei Wochen und der war furchtbar, voll Tod und Leiden.« (Krapina M.I., Reismann F.W.: Živa… Da, ja živa! Minskoe getto v vospominanijach Maji Krapinoj i Fridy Reismann. Materialy i dokumenty. Minsk: Istoričeskaja masterskaja 2005, S.) Als sie Minsk erreicht hatten, fanden sie den ältesten Bruder auf und bezogen die leere Wohnung ihrer Nachbarn. Für diese Leute hat Fridas Mutter ab und zu die Wäsche gewaschen. So lebten sie bis 19. Juli 1941.Bis der Beschluss erlassen wurde, dass alle Juden in einem abgesonderten Stadtteil umsiedeln mussten.

Das Leben im Minsker Ghetto

Frida erwähnt schnelle Änderungen, die mit der Gründung des Minsker Ghettos folgten: »Nach dem Umzug ins Getto, hat sich alles ganz schnell geändert. Wir wurden von der Mehrheit der Minsker Einwohner isoliert, und da wurden recht viele Dinge klar, was man früher verhehlt hatte. Unsere Freunde wollten mit uns nichts zu tun haben. In den Mischehen haben Mann und Frau gegenseitig gespitzelt, angezeigt und verraten.« Ebd., S. ) Fridas Familie zog in die Witebskaja-Strasse ein. In zwei kleinen Räumen waren neun Personen zusammengepfercht: die Mutter, der Vater, Frida mit ihren zwei Brüdern, Lazarus und Michael, und noch vier Verwandte. Es war sehr eng, und der ewige Hunger herrschte. Was die Ernährung im Ghetto anbetraf, so erzählte Frida folgendes: »Ich kann mich noch an unser tägliches Essen im Getto gut erinnern. Es gab Kartoffelschalen, Heringlake, Kohlabfälle, aber ganz selten und meistens nur im Sommer. Im Arbeitseinsatz erhielten manche Leute eine Schüssel dünne Suppe für den ganzen Tag. Wertsachen und Goldschmuck wurden gegen Lebensmittel eingetauscht.« (Ebd., S.) Mit besonderer Aufregung erinnert sich Frida an einen Morgen im Herbst (7.November 1941 http://www.sb.by/post/61656/), als Pogrom aufbrach: »Der Vati hielt mich am Arm. Ich suchte nach unsrer Mutter und Brüdern. Die Deutschen haben den Vater aufgefordert, den Rollstuhl mit einer unbekannten alten Frau zu schieben. Wir wurden in die Hlebnaja-Strasse zusammengetrieben. Dort stand schon eine Kolonne von Menschen, die in die anrollenden LKWs zusammengepresst wurden. Was uns gerettet hat, war Vatis Ausweis, den er als arbeitsfähiger Jude bekommen hatte.« (Ebd., S.) Nach dem Pogrom schrumpfte sich das Ghettoterritorium ganz stark zusammen. Fridas Familie war wiederum gezwungen den Wohnort zu wechseln. Diesmal bezogen sie ein kleines Zimmer, nur sieben Quadratmeter, in der Respublikanskaja-Strasse 10. In dieser Wohnung hausten schon vier Familien. Frida denkt an die aktive Teilnahme ihres Vaters am illegalen Widerstandskampf zurück. Er leitete eine Gruppe, deren Aufgabe war es, Waffen zu beschaffen. Sie erinnert sich, dass er als Widerstandskämpfer der Verfolgung ausgesetzt war: »Die Gestapo hat einen Mitglied seiner Gruppe ertappt und festgenommen. Er wollte die Gestapoleute gerade zu unsrem Haus bringen. Illegale Freunde erfuhren dies und warnten den Vater frühzeitig: ihm gelang es, die bei uns auf der Wohnung gelagerten Waffen fortzutragen.« (Ebd., S.)

Die Flucht aus dem Minsker Ghetto

Im April 1942 flohen der Vater und der älteste Bruder Lazarus zu den Partisanen. Dort wurde der Vater zum Politkommissar einer jüdischen Partisanentruppe ernannt. Lazarus war bei der Kutusow-Partisanentruppe, die der 2. Minsker Partisanenbrigade angehörte. Frida und ihre Mutter erlebten noch einige Male den Beginn von Mordaktionen Pogrome , und wurden im Auftrag von Lazarus von einem weißrussischen Bauer aus dem Ghetto in einen Wald gebracht. http://shtetle.co.il/shtetls_minsk/minsk/reizman.html Bis Kriegsende hielt sich Frida mit ihrer Mutter und mit dem älteren Bruder in der Minsker Kutusow-Partisanentruppe auf. Im Januar 1943 verlor Frida ihren Bruder. Er begab sich in den sogenannten „russischen Stadtteil“ und ist nicht zurückgekommen. Eine Zeitlang später erfuhren sie, dass man ihn erwischt, festgenommen und ins Gefängnis gebracht hatte. Erst in der Nachkriegszeit erfuhr Frida zufällig aus einem Zeitungsartikel, dass er und andere am 29.-30. Januar 1943 Festgenommenen und im Gefängnis erschossen wurden. Frida wurde es klar, dass ihr Bruder Mischa auch zu diesen Menschen gehörte.

Die Befreiung und das Nachkriegsleben

Am 5. Juli 1944, gleich nach der Befreiung von Minsk kehrten die Reismanns in die Stadt zurück. Frida war damals 9 Jahre alt. Sie wurde in die erste Klasse eingeschult und war die älteste unter ihren Mitschülern. Recht oft musste sie das Bett hüten, besonders betroffen war ihre seelische Verfassung, denn sie erlebte im Ghetto eine schreckliche Zeit. Nach dem Abschluss der Mittelschule wollte Frida die Hochschule für Fremdsprachenbesuchen, doch sie wurde in Kenntnis gesetzt, dass Juden nicht aufgenommen werden. Die Begründung lautete, dass erst „nationale“ Fachkräfte weißrussischer Abstammung im Lande ausgebildet werden müssen. Deswegen studierte Frida an der Fachschule für Textilindustrie. Später gelang es ihr doch, die Hochschule für Leicht- und Textilindustrie in Moskau abzuschließen. Zu dieser Zeit hatte sie bereits zwei Kinder. Nach dem Abschluss der Hochschule arbeitete sie in einer Trikotagenfabrik. Fridas Mutter starb an Typhus kurz nach dem Kriegsende. Der Vater arbeitete in der Schuhfabrik bis er Rentner wurde und starb 1991. Der ältere Bruder Lazarus arbeitete als Sanitärinstallateur und starb drei Jahre später.

Öffentliches Engagement

Das ehemalige Opfer des Minsker Ghettos Frida Wulfowna Reismann führt ein aktives öffentliches Leben. Schon zwanzig Jahre leitet sie die Wohlfahrtseinrichtung ehemaliger Gettoinsassen und KZ-Häftlinge „GILF“. http://www.beljews.org/articles510.html Sie nimmt auch aktiven Anteil an Bildungsprojekten der „Geschichtswerkstatt“ der Minsker und Dortmunder IBB. http://gwminsk.com/ru/news/2787

Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk