Das Vorkriegsleben
Chasja Mendeleewna Pruslina wurde 1901 in der Dorfgemeinde Gorbatschowo des Landkreises Polozk geboren. Ihr Vater war Schneider. Sie hatte fünf Geschwister und war die älteste unter ihnen. 1912 beendete Chasja Mendeleewna die Volksschule, die lediglich drei Klassen hatte. Ihr Bildungsweg führte sie später an die pädagogische Hochschule und an die Aspirantur. Nach deren erfolgreichem Abschluss unterrichtete sie Gesellschaftswissenschaften an den Hochschuleinrichtungen. In den Vorkriegsjahren hatte Chasja Pruslina zwei Kinder, den Sohn May und die Tochter Dina.
Der Kriegsbeginn
Die ersten Kriegstage, als die Deutschen die Stadt stark bombardiert hatten, verbrachte Chasja Mendeleewna mit ihren Kindern in einem Luftschutzraum. Sie hoffte, dass der Krieg nicht lange dauerte, und sie von der Roten Armee geschützt und befreit werden. Später versuchte die Familie erfolglos die eingekesselte Stadt zu verlassen. Der Weg nach Osten war von den deutschen Truppen dicht gesperrt. Deswegen sollte sich Chasja Pruslina mit ihren Kindern in der Kleinstadt Usda bis Herbst aufhalten. Ihr Haus in Minsk war inzwischen zerstört, und die ganze Verwandtschaft geriet ins Ghetto. Bald folgte auch sie ihnen mit ihren Kindern hinter den Stacheldrahtzaun.
Das Leben im Minsker Ghetto
Im Ghetto fand Chasja Mendeleewna und ihre Schwester ihre Unterkunft in einem unbewohnten Haus. Beide hatten keine Existenzmittel, die Familie verhungerte. Als dürftige Nahrung hatten sie oft nur Kartoffelschalen. Sie wurden ins Ghettoregister eingetragen und sollten sich zur Zwangsarbeit täglich anmelden. Chasja Mendeleewna vermied diese Anmeldungen und blieb mit ihren Kindern zu Hause. Zu Beginn ihres Ghettolebens gelang es ihr das »russische Stadtviertel« heimlich zu besuchen. Dadurch konnte sie sich Lebensmittel verschaffen. Bald wurde aber das ganze Ghetto mit dem Stacheldrahtzaun umringt, was solche Besuche wesentlich erschwerte.
Chasja Pruslina wurde oft Zeugin von allerlei Verbrechen gegen Ghettoinsassen. Den Pogrom am 7. November 1941 überlebte sie mit ihren Kindern in dem frühzeitig vorbereiteten Versteck, den sie als »Malina« bezeichneten. Dabei blieb ihr schwer erkrankter Sohn in seinem Bett im Haus, denn sie befürchtete sein Heulen im Versteck. Ihren Sohn hat Chasja Mendeleevna nie wieder gesehen.
Chasja Pruslina wollte das Leben ihrer Tochter unbedingt retten und brachte sie Ende 1941 mit dem gefälschten Namen (Zinaida Nikodimowa) erst an fremde Leute, dann in ein Kinderheim in der Straße Igumenskij Trakt (heute Majakovskaja-Straße). Später fand sie ihr Obdach im Waisenhaus in der Ortschaft Shdanowitschi.
Als die Tochter in gewisser Form von Sicherheit war, schloss sich Chasja Mendeleewna bald darauf dem aktiven illegalen Wiederstand im Ghetto an. In ihrem Versteck hatte sie ein Radiogerät, konnte Nachrichten empfangen und verfasste dann Flugblätter, die sie in russischen Stadtteilen verbreitete. Sie agitierte Ghettoinsassen und Stadteinwohner für die Flucht zu den Partisanen, organisierte illegale Anlaufstelle und Treffpunkte und verschaffte Medikamente.
Die Flucht aus dem Ghetto
Im Frühjahr 1942 erhielt sie einen von den Partisanen nachgemachten Ausweis und ging unter dem Namen »Fedjuk Pelageja Petrowna« erst ins »russische Stadtviertel«, dann – in die Partisanentruppe. Fast zwei Jahre arbeitete sie dort im Lazarett und gleichzeitig in der Redaktion der Partisanenzeitung, die unter der Bevölkerung im besetzten Land verbreiten wurde.
Die Suche nach Tochter
Nach der Befreiung Belarus begann Chasja Mendeleewna Pruslina mit der aktiven Suche nach ihrer Tochter. Sie schrieb unzählige Briefe an verschiedene Institutionen und unternahm sogar eine Reise nach Deutschland, um die Tochter zu finden.
Es gelang Chasja Pruslina aufzuklären, dass ihre Tochter erst in eine Waisenaufnahmezentrale in der Mjasnikow-Straße geriet und dann Ende April 1944 nach Deutschland mit einer Gruppe belarusischer Kinder transportiert wurde. Dort erhielt sie noch einmal einen anderen Namen, diesmal einen deutschen – Siegried. Nach der Befreiung dieser Kinder durch die Rote Armee wurden sie in verschiedene Kinderheime in die Sowjetunion geschickt. 1947 fand Chasja Mendeleewna ihre Tochter in einem Kinderheim im Gebiet Kujbyschew. Der 12. August 1947, als die Mutter und die Tochter endlich zusammenkamen, wurde zum glücklichsten Tag in ihrem Leben.
Das Nachkriegsleben
In den Nachkriegsjahren arbeitete Chasja Pruslina als Referentin des kommunistischen Stadtparteikomitees in Minsk und hielt gleichzeitig Vorlesungen an mehreren Hochschulen. Sie gab sich alle Mühe in ihrem aktivsten Kampf um die Rehabilitierung des damals verleumdeten illegalen Widerstandes in Minsk. Ihre Tochter Zinaida Alekseewna Nikodimowa beendete die medizinische Hochschule in Minsk und arbeitete im Krankenhaus als Radiologin. Zinaida Alekseewna ließ das Buch »Archiv von Chasja Pruslina« mit Unterstützung der Minsker Geschichtswerkstatt veröffentlichen. Es beinhaltet auch einige Dokumente und Mutters Erinnerungen, die ihre Suche nach der verlorenen Tochter schildern.
Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk