Das Vorkriegsleben
Michail Timofeevič Novodvorskij wurde in Minsk in einer jüdischen Familie geboren. Sein Vater war Tischler, die Mutter führte den Haushalt. Nach Erinnerungen von Michail lebte die Familie in Armut. Er hatte älterer Geschwister und, sie besuchten zusammen die gleiche Schule. 1941 wurde Michails Vater plötzlich schwer krank, und bald darauf starb er. Der ältere sechzehnjährige Bruder sollte deswegen die Schule verlassen und in eine Fabrik gehen, um die Familie zu ernähern.
Der Kriegsbeginn
In Michail Novodvorskijs Erinnerungen sind die ersten Kriegstage mit gutem Sommerwetter, mit unendlichen Schlangen an Lebensmittelgeschäften, mit unerwarteten Bombardierungen und Panik verbunden. Wie viele andere Leute verbrachte auch Michails Familie die Tageszeit in den naheliegenden Dörfern außerhalb der Stadt, denn dort wurde weniger bombardiert. Abends kehrten sie nach Hause zurück. Nachdem ihr Haus durch den Bombenangriff zerstört worden war, ergriffen sie die Flucht in ein 25 km von Minsk gelegenes Dorf. Doch bald darauf landete dort eine deutsche Fallschirmtruppe, und die Familie Novodvorskij war gezwungen zurückzukehren. Sie fand ihr Unterkommen in der unversehrten Wohnung der Schwester von Michails Mutter in der Ostrovskij-Straße.
Das Leben im Minsker Ghetto
Nachdem die Deutschen den Beschluss von der Ghettogründung veröffentlicht hatten, brauchte die Familie von Michail nicht umzusiedeln, denn gerade der Straßenteil, wo Novodvorskijs wohnten, gehörte dazu. Regelmäßig wurden die Ghettoinsassen von den Deutschen zu schwerer Arbeit weggeführt. In Michails Familie arbeitete aber keiner, denn die Mutter war schwer krank nach dem Tode ihres Mannes, den ältesten Bruder ließ sie zur keiner Arbeit gehen, weil sie Angst hatte, dass ihr Sohn abgeführt und erschossen werden könnte. Michail Novodvorskij beschreibt, wie man das Essen damals verschaffte: »Ich kann mich noch heute erinnern, wie meine Mutter mich an Arm hielt und entlang der Häuserreihe langsam ging und bettelte. Ich wurde schamrot, als wir bei unseren Bekannten vorbeikamen, besonders wenn ich mit ihnen befreundet war oder zusammen mit ihren Kindern spielte und die Schule besuchte.« (Arkad'eva O.M., Heller-Martynova L.L., Kurdadze K.S. (Hrsg.): … An der Schicksalskreuzung, Minsk 2001, S. 118.)
Anfang November 1941 breiteten sich Gerüchte aus, dass ein Pogrom im Getto geplant ist. Einige Insassen schafften es, ihre Familienmitglieder rechtzeitig an ihre Arbeitsstelen mitzunehmen. Novodvorskijs hatten solch eine Möglichkeit nicht und versuchten sich in ihrem Haus zu verbergen, doch das Heulen eines kleinen Kindes verriet sie. Mit einer großen Schar von erwischten Insassen wurden sie in die Hlebnaja-Straße abgeführt, dort in die Kastenwagen zusammengepresst und in einer unbekannten Richtung weggebracht. Michail erinnert sich: »Alle Leute ringsherum beteten, weinten und nahmen Abschied voneinander. Sie erwähnten die Namen ihrer Verwandten, die ihre Freiheit behielten. Ich hatte damals nur einen einzigen mich abquälenden Gedanken: wieso müssen diese Menschen und ich sterben, ich habe ja niemandem was schlecht angetan. Ich konnte es mir gar nicht vorstellen, dass ich umkommen sollte und, mit Erde überschüttet, keinen Menschen mehr sehe.« (Ebenda, S. 118.) Als Novodvorskijs dran waren in den Wagen einzusteigen, machte sich Michail aus der Kolonne los und brach die Polizistenkette durch. Er hatte Glück, denn keiner hielt ihn auf. Michails Tante und ihrer zwei Töchter gelang es auch, sich loszuwerden, denn ihr Mann war den Behörden durch seine Arbeit im Krankenhaus bekannt, und der deutsche Offizier erlaubte ihnen die Rückkehr ins Ghetto. Dem älteren Bruder glückte es auch, sich durch die Flucht zu retten. Doch bald darauf wurde er während des zweiten Pogroms gefangengenommen und mit einer Insassenkolonne in unbekannter Richtung weggeführt. Pogrome wurden zum harten und grausamen Teil des Alltags der Ghettoinsassen. Michail Novodvorskij riskierte sein Leben jeden Tag, indem er den sogenannten »russischen Stadtteil« regelmäßig besuchte, um etwas Lebensmittel zu verschaffen: er selbst und seine Tante, die Schwester unserer Mutter, durften nicht verhungern.
Die Flucht aus dem Ghetto
Am 23. Oktober 1943, frühe am Morgen, lief Michail wie immer in den »russischen Stadtteil«. Auf seinem Rückweg sah er, dass ganz Ghetto von Polizisten und deutschen Soldaten umringt war. Michail Novodvorskij erinnert sich: »Sie sind überall mit ihren Gewehren und Peitschen gelaufen und haben die Leute auf allen Straßen aus ihren Häusern weggetrieben und dabei Frauen und Kinder erbarmungslos geprügelt.« (Ebenda, S. 130.) Da beschloss er in die Stadt zurückzukommen. Dort begegnete er seinen bekannten Jungs und versteckte sich bei ihnen. Kurz danach erfuhren sie, dass das jüdische Ghetto nicht mehr besteht, und entschieden sich zusammen für die Flucht zu den Partisanen. Eine unbekannte Frau, die ihre Kühe weidete, zeigte ihnen den richtigen Weg. Partisanen nahmen sie mit gewisser Vorsicht auf, fragten sie allseitig aus und schickten dann ins Dorf Porečje. Dort wurden jüdische Kinder in Bauernfamilien aufgeteilt. Michail Novodvorskij geriet in die Familie von Kristina Sidorovna und Jemeljan Ivanovič Hurs. Er erinnert sich, wie sie ihn als ihr eigenes Kind behandelt haben. Das Leben war trotzdem voll Angst vor den Deutschen. Sie durchkämmten oft das Gebiet im Zuge ihrer Strafaktionen, und die Bauern waren gezwungen, aus ihren Dörfern in den Wald und in die Sümpfe zu fliehen und dort die Gefahr vorübergehen zu lassen.
Am glücklichsten im Michails Leben wurde der Tag, als sowjetische Truppen gekommen waren. Er erinnert sich daran: »[...] In der Ferne war erst ein Staubwirbel zu sehen, dann hörten wir das Geräusch vieler Motoren. Alle meinten zugleich, dass die Deutschen kommen, und rannten in den Wald los. Doch sie gelangte noch nicht bis zum Fluß, und da rief jemand: Unsere!« (Ebenda, S. 135.)
Das Nachkriegsleben
Michail Novodvorskij verließ das Dorf Porečje und wurde ins Kinderheim in der Ortschaft Kosyrevo gerichtet. Danach geriet er in ein anderes Kinderheim in Minsk in der Mjasnikov-Straße und kurz darauf ging in eine gewerbliche Berufsschule. Nachher begab er sich an die Fachschule für Eisenbahnverkehr in der Stadt Lida. Bis 1951 arbeitet er dort im Bahnbetriebswerk und war für die Inspektion des rollenden Materials verpflichtet. Dann machte er seinen Armeedienst durch und kehrte nach Minsk zurück. Bis zu seiner Rente arbeitete er als Maler in einem Bauunternehmen.
1994 erlebte Michail Novodvorskij ein denkwürdiges Ereignis: seine Retter Kristina Sidorovna und Jemeljan Ivanovič Hurs wurden mit dem Ehrentitel »Gerechter unter den Völkern« postum ausgezeichnet.
Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk