Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Mačiz Anna

Mačiz Anna

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
Minsk
Beruf 
Untersuchungsführerin, Juristin
Unterbringung/Inhaftierung 
Minsker Ghetto
Schicksal 
Rettung durch Flucht zu den Partisanen
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Vorkriegsleben

Anna Semënovna Mačiz (geb. Levina) wurde am 18. Dezember 1910 in Minsk geboren. Ihr Vater Semën Levin war für die Eisenbahn tätig. Ihre Mutter Frejda Levina war Hausfrau. http://mishpoha.org/n32/32a23.php Anna hatte noch einen älteren Bruder Savelij. Die Familie lebte in der Lodočnaja-Str. Nach der Absolvierung der Mittelschule studierte Anna Jura, danach war sie Untersuchungsbeamte der Staatsanwaltschaft in dem Bezirk Mozyr', später in Leningrad. 1933 kehrte sie nach Minsk zurück, wo sie bis zum Kriegsanfang Untersuchungleiterin bei dem Kriminalsuchdienst des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten der BSSR war.

Der Kriegsbeginn            

Über den Kriegsanfang erinnert sich Anna Semënovna so: »Zusammen mit der kranken Mutter verließen wir Minsk zu Fuß, wurden aber von den Deutschen auf dem okkupierten Territorium gefangen.« (Ioffė Ė.G.: Eine Frau aus der Legende: Untersuchungsleiterin bei dem Kriminalsuchdienst des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten der BSSR – Chronist der Untergrundorganisation des Ghettos von Minsk, in: Anna Mačiz: Zeugnisse der Tragödie und des Kampfes in Minsker Ghetto 1941-1943, Minsk 2011, S. 13)

Das Leben im Minsker Ghetto

In Minsk kam Anna Semënovna mit der Mutter ins Ghetto. Da war sie ein aktives Mitglied der antifaschistischen Untergrundorganisation. Das erste Treffen, wo die Gründung einer Untergrundsparteiorganisation beschlossen wurde, fand im August 1941 statt. Über die gefassten Beschlüsse dieses Treffens erinnert sich Anna Mačiz: »Es begann die Ausführung der ersten Aufgaben: Einstellung eines Rundfunkempfängers, Einrichtung des regelmäßigen Flugblätterdrucks, Herstellung der Verbindung mit den Partisanenabteilungen.« (Ebd., с. 29.) Ende November 1941 wurde in der allgemeinen Parteikonferenz Michail L'vovič Gebelev (Siehe dazu das lebensgeschichtlische Porträt von Gebelev in der Sammlung »Zeitzeugen des Minsker Ghettos«) als Leiter der Untergrundorganisation im Ghetto gewählt. Der Hauptsitz der Kämpfer war der Heizraum des Infektionskrankenhauses. Über die Aktivitäten der Untergrundorganisation erinnert sich Anna Semënovna so: »Dank der Verbindungen mit den Mitarbeitern aus dem Judenrat konnten wir die Leute so verteilen, dass sie in solchen Betrieben arbeiten, wo sie Waffen auftreiben konnten. Das Ghetto hatte die Möglichkeit die Leute in die Partisanenabteilungen zu schicken. Die Aufgabe war, die meist erfahrenen und kriegsvorbereiteten Personen auszuwählen, damit schnell für die Partisanenabteilungen Waffen, Medikamente gesammelt und Ärzte vorbereitet wurden. Es wurde die Verbindung mit den Stalin- und Čkalov-Brigaden und mit der Budënnyj-Abteilung hergestellt.« (Ebd. с. 14-15.) Aus der Initiative und auf der Basis der Ghetto-Häftlinge wurden neue Partisanenabteilungen gebildet und schon existierende ergänzt. Aus der Erinnerungen von Anna Mačiz: »Die Flucht der Juden aus dem Ghetto häufte sich im April 1943. Es wurde neue Abteilungen gebildet: eine namens Parchomenko im Urwald, die andere von Zorin. Zorin kannte die Leiden der Juden im Ghetto, hatte selber alles erlebt. Er gründete eine nationale Familienabteilung, schickte systematisch Führer ins Ghetto und nahm zu sich alle – alte Leute, Frauen, Kinder.« (Ebd. с. 55.)

Im Frühjahr 1943 floh Anna Semënovna nach dem Tod der Mutter aus dem Ghetto zu den Partisanen, wo sie am Anfang in der Abteilung Nr. 106 war, danach im Stab der Žukov-Brigade. Am Kriegsende war sie stellvertretende Leiterin der Sonderabteilung einer Partisanenbrigade. Eine besondere Aufmerksamkeit soll der Tatsache gewidmet werden, dass sie seit Dezember 1943 ein Tagebuch führte, das auch bei der Zusammensetzung »Des schwarzen Buches« von Wassilij Grossman und Ilja Ehrenburg 1945 verwendet wurde.

Die Nachkriegsleben

Nach der Befreiung von Minsk war Anna Mačiz wieder Untersuchungsführerin. Nachdem sie den Dienstgrad von Justizrätin erhalten hatte, war sie Juristin in der Briefabteilung der Zeitung »Zor'ka« im Minsker Maschinenbaubetrieb namens Kirov, vor der Rente arbeitete sie in Beltorgsnab (Handelsversorgungsorganisation) tätig.

Anna Semënovna Mačiz starb am 28. August 1988 in Minsk.

Am 10. November 2011, dem Gedenktag der aus Deutschland deportierten Juden fand die Präsentation des Buches von Anna Mačiz. Die vorgestellten Materialien über das Holocaust, das Sonderghetto der Juden aus Deutschland, Österreich und Tschechien wurden von Anna Mačiz noch im Dezember 1943 aufgenommen. Ein Manuskript war bei ihrem Neffen Leonid Cyrinskij aufbewahrt, der mit der Unterstützung der Familie diese wichtige historische Handschrift für die Veröffentlichung der Geschichtswerkstatt zur Verfügung stellte. http://gwminsk.com/news/prezentaciya-knigi-anny-machiz

Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk