Das Vorkriegsleben
Felix Lipskij wurde am 11. Mai 1938 in Minsk geboren. Seine Mutter Rosalia Lipskaja (1909-1980) stammt aus einer jüdischen Arbeiterfamilie. http://www.yadvashem.org/yv/ru/holocaust/ussr/chapter_1/prewar_ussr_gallery.asp Sie beendete die Moskauer Universität und arbeitete in verschiedenen Betrieben in Minsk. Ihr Vater Jakob Šlenskij (1904-1992) war polnischer Abstammung, emigrierte in die Sowjetunion und arbeitete in der Redaktion der Zeitung »Trybuna radziecka«, die in Polnisch herausgegeben wurde. Felix’ Eltern waren in der kommunistischen Partei aktiv beteiligt. 1938 wurde der Vater als angeblicher polnischer Spion und Volksfeindlicher verhaftet und zu 10 Jahren Lagerzucht verurteilt.
http://www.juedische-lebensgeschichten.de/person.asp?pid=6&lang=russ
Der Kriegsbeginn
Gleich nach dem Kriegsausbruch versuchte Rosalia Lipski zusammen mit ihren Kindern und Schwestern Minsk zu verlassen, doch es gelang ihnen nicht, denn alle Wege in die Ostrichtung wurden von den deutschen Truppen abgeschnitten. Lipskis kehrten in die Stadt zurück. Ihr Haus war durch den Bombenangriff vollkommen ausgebrannt.
Das Leben im Minsker Ghetto
Bald darauf geriet die Familie ins Ghetto. Felix feierte damals sein fünftes Lebensjahr. Er erinnert sich daran, dass es den kleinen Kindern verboten war, ihr Zuhause ohne elterliche Aufsicht zu verlassen. Wenn fremde Leute in Militäruniform kamen, versteckten sich die Kinder unter den Betten oder in »Malina«, die man unter dem Fußboden, im Keller, hinter dem Ofen oder auf dem Dachboden errichtete. Felix Lipskij kann auch das fortwährende Hungersgefühl bis heute nicht vergessen. Im Frühjahr und im Sommer kochte man gewöhnlich Brennnesselsuppen. Eine weitere »Spezialität« praegte sich in seiner Erinnerung fest ein: »Einmal gelang es meiner Mutter Kartoffelschälen zu verschaffen. Sie hat diese in feine Streifen geschnitten und dann für uns gebraten.« (Felix Lipskij: Kindheit im Minsker Ghetto, in: „Existiert das Ghetto noch?“, Berlin 2003, S. 160)
Felix Lipskij kann sich an furchtbare Pogrome im Juli 1942 auch heute noch erinnern, sie dauerten vier Tage ununterbrochen. Er versteckte sich mit seiner Mutter in einem längst vorbereiteten und gut getarnten kleinen Raum. Sie saßen dicht zusammengedrückt und hörten durch die dünnen Wände die Opfer schreien und die Polizei grölen. Die Schüsse knallten ununterbrochen. Nachdem das Strafkommando mit dem Pogrom fertig war, verließen sie ihr Versteck und sahen überall ermordete Menschen liegen, die Widerstand lesiteten.
Felix’ Mutter Rosalia Lipskij gehörte zu den Gründern der illegalen Widerstandsorganisation im Ghetto. Sie leitete eine Gruppe, die sich Waffen verschaffte. Felix Lipskij erinnert sich, dass unbekannte Menschen mit großen Taschen und Beuteln ihr Zimmer recht oft betraten, und das was gebracht wurde, versteckte man. Im Frühjahr 1943 erhielt seine Mutter die Aufgabe, sich nach den Partisanentruppen in den umliegenden Dörfern zu erkundigen. Sie sollte diese zur Organisation und Hilfe für die Massenflucht aus dem Ghetto bewegen. Es gelang ihr aber nicht zu Partisanen zu kommen und sie kehrte in die Stadt zurück.
Im Sommer 1943 wurden Felix Lipskij und seine Mutter während einer Razzia verhaftet. Mit einer Gruppe aus Gehttoinsassen wurden sie in einen Kastenwagen mit der Hecktür zusammengepresst. Ein Wachtmann machte aber diese Tür mit dem Fuß zufällig auf, und die Häftlinge fingen an herauszuspringen und fort zu rennen. Felix versteckte sich mit der Mutter in einer der Baracken, was ihre Rettung ermöglichte.
Einige Monate vor der Ghettoabschaffung gelang es der Mutter und dem Sohn zu fliehen. Felix Lipski erinnert sich daran: »Einmal Abend sagte die Mutter, dass wir heute ins Bett nicht gehen sollen. Sie hat mich warm angekleidet und dann an die Ghettogrenze durch die Hinterhöfe geführt. Eine Erwachsenengruppe mit Gepäck und Waffen in der Hand wartete schon auf uns. Einer von ihnen machte das Loch im Stacheldrahtzaun, und wir verließen das Ghetto.« („Existiert das Ghetto noch?“, S. 163) Kurz darauf schlossen sie sich der jüdischen Partisanentruppe, die Šalom Sorin leitete, an. Dort befanden sie sich bis zur Befreiung durch die Rote Armee im August 1944.
Die Befreiung und das Nachkriegsleben
Rosalia Lipskij kehrte mit ihrem Sohn nach Minsk zurück. Sie hatten aber keine Unterkunft in der Stadt und waren gezwungen in einem Kellerraum zu wohnen, in dem die Mutter eine Feuerstelle errichtete. So begann ihr neues Leben. Im Herbst 1945 wurde Felix eingeschult. Nach dem Schulabschluss besuchte er die medizinische Hochschule und arbeitete später als Chirurg in einer Kreisstadt. Seit 1965 wohnt er in Minsk. 1969 heiratete er Sofia Šragovič. Das glückliche Ehepaar hat zwei Töchter und drei Enkelinnen. In 1960-er Jahren hat es sich herausgestellt, dass Felix’ Vater Jakob Šlenskij überlebte. Er wurde rehabilitiert und kehrte nach Polen auf Gesuch der polnischen kommunistischen Partei zurück. 1968 emigrierte er nach Dänemark. Der Grund seiner Entscheidung war durch den Ausbruch des Antisemitismus in Polen zu erklären.
http://tay-kuma.livejournal.com/602970.html
Öffentliches Engagement
Die Geschichte des Minsker Ghettos bleibt ein wichtiger Lebensteil von Felix Lipskij bis heutzutage. Er verfasste mehrere Artikel zu diesem Thema in Russisch, Weißrussisch und in Deutsch. Felix Lipskij ist ehrenamtlicher Präsident des Belarussischen Judenvereines und des der ehemaligen Ghetto- und KZ-Häftlinge. Regelmäßig tritt er vor den Jugendlichen in Mittelschulen und anderen Lehranstalten mit seinen Erinnerungen auf. 1968 emigrierte das Ehepaar Lipskij nach Bochum. In seinem neuen Wohnort gab er sich alle Mühe zum Aufbau der kulturellen Tradition des Holocaust-Gedenkens sowohl in Deutschland, als auch in Weißrussland.
http://gwminsk.com/ru/news/3233
Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk