Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

Erinnern, lernen, forschen am historischen Ort

Sie sind hier

Levkova Elizaveta

Levkova Elizaveta

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Belarus
Geburtsort 
Minsk
Beruf 
Kassiererin
Unterbringung/Inhaftierung 
Minsker Ghetto
Schicksal 
Rettung in einem Versteck
Berichtsart 
Familiengeschichte

Das Vorkriegsleben

Elizaveta Petrovna Levkova wurde 1927 in Minsk in einer Arbeiterfamilie geboren. Der Vater Gerša Mitckovič (* 1898) war Ofensetzer, die Mutter (* 1902) – Arbeiterin in einer Fabrik. Anfang der 1930-er Jahren kam auch der jüngere Bruder von Elizaveta zur Welt. Anfangs mietete die Familie eine Wohnung in der Kal'varijskaya-Straße, 1937 zog sie in eine andere Wohnung in der Kollektornaja-Straße.

Kurz vor dem Krieg wurde Elizaveta und ihr Bruder in die Ferienlager geschickt.

Der Kriegsbeginn

Über die ersten Kriegstage erinnert sich Elizaveta Petrovna: »Sonntags früh kamen gewöhnlich viele Eltern zu Besuch, aber an jenem Tag waren wenige da. Ich sah plötzlich ein Flugzeug mit schwarzen Zeichen fliegen. Ich fragte unsere Pionierleiterin, was da war, sie antwortete, das wird Post transportiert. Aber der Krieg war schon erklärt, und wir wussten nichts im Ferienlager. Am Abend wurde uns gesagt, dass wir Sachen packen sollen, wir werden in einen anderen Ort hinübergebracht. […] Meine Eltern kamen nicht, und wir wurden durch Wälder und Dörfer gefahren, es wurde schon gebombt, wir hatten alle große Angst. So wurden wir den ganzen Tag gefahren, wo wir übernachteten, kann ich mich jetzt nicht erinnern. Am nächsten Tag wurden wir […] nach Smiloviči oder Smoleviči gebracht. Da schickte man uns nach Hause – jeder soll gehen, wohin er will, fremde Stadt, deutsche Soldaten waren schon da, was sollten wir machen?« (Unveröffentlichte Erinnerungen von Elizaveta Petrovna Levkova. Sammlung der Geschichtswerkstatt Minsk). Elizaveta hatte Glück, sie begegnete einer Bekannten, die ihr nach Minsk zu ihrer Mutter zurückzukehren half.

Das Leben im Minsker Ghetto

Anfang Juli siedelte die Familie Levkov auf Befehl der deutschen Besatzungsmacht ins Ghetto um. Elizaveta Petrovna erinnert sich darüber so: »Wir sammelten alles, was möglich war, sicherlich nimmst du Büfett, Sofa oder Bett nicht mit. Das brauchte auch keiner. Wir nahmen die Sachen, die wir auch später im Tauschhandel mit den Russen gebrauchen konnten. Wir packten und zogen auf die Nemiga um.« (Ebd.) Die Familie Levkov ließ sich im zweiten Stock eines alten Hauses in einem Zimmer nieder.

Während des Pogroms am 7. November 1941 versteckten sich die Levkovs auf dem Dachboden. Danach waren sie gezwungen sich auf eine andere Straße umzuziehen.

Mit besonderer Aufregung erinnert sich Elizaveta Petrovna an einen Pogrom im Jahre 1942: »Mein Vater […] reparierte irgendwelche Kessel. Er ging zur Arbeit, wir blieben zu Hause, am Morgen war es still, danach fing man an zu schreien – Pogrom, wo sollten wir uns verstecken? Das haben wir im Voraus vorbereitet, aber wie sollten wir dahin kriechen? Wir versuchten durch den Backofen, das war aber unmöglich, sich dadurch noch in die Grube zu zwängen. Im Hof hatten wir einen Schuppen, die Hälfte war mit Holz besetzt, die zweite Hälfte war frei, da konnten wir uns verstecken und warten, ob wir gefunden oder nicht gefunden werden. Da liefen viele Leute hinein. […] Ich kann mich auch jetzt ganz gut daran erinnern, es war eine Frau mit einem kleinen Kind. Der Junge hieß Lënja, der Nachname Ševcaj. Er weinte, hatte Hunger und Durst, […] untersteh dich sie nicht reinzulassen. Sie hätte uns angezeigt. Wir waren gezwungen sie reinzulassen. Diese vier Tage verbrachten wir im Schuppen, wir kamen alle schwarz heraus. Draußen waren viele erschossen, das Blut stand noch 2-3 Wochen.« (Ebd.)

In der Zeit zwischen den Pogromen legten Elizaveta mit ihrer Mutter Eisenbahnschwellen aus, sortierten Torf.

Eine baldige Liquidierung des Ghettos ahnend, verstecke sich die Familie Levkov im Keller eines leerstehenden Hauses. Mit den Brot- und Wasservorräten lebten sie etwa zwei Wochen mit den anderen Flüchtlingen. Als die Vorräte alle waren, kamen Erwachsene in der Suche nach Lebensmitteln heraus. Zu ihrem Glück fanden sie eine russische Frau, die ihre Sachen gegen Kartoffeln, Rüben, Kohl und Brot tauschte. So hielten sie bis Anfang Juli 1944 durch.

Die Befreiung beschreibt Elizaveta Levkova so: »Am 3. Juli schon früh hörten wir schwere Flugzeuge, der Himmel schien zu platzen, eine sagte der anderen, […] geh raus, […] sie ging und fehlte zwei oder drei Stunden. Wir dachten, sie wurde festgenommen, plötzlich öffnete sie den Eingang und schrie: kommt raus, der Krieg ist zu Ende, wir verstanden nicht, fragten, was los ist, sie sagte, kommt raus, die Sowjetmacht ist wieder da. Wie soll ich aber raus, meine Beine konnten sich nicht bewegen. Ich hatte keine Kleidung, der Morgenrock, den ich anhatte, als wir runtergegangen waren, verfaulte schon von Dreck und Läusen. Ich wusch mich nicht seit neun Monaten, nicht nur ich, jeder von uns, nicht einmal Hände. Wie sollte ich raus, die Männer und Jungen, die kräftiger waren, die schafften das, mein Vater auch, ich aber nicht, ich wurde hinausgezogen.« (Ebd.)

Von 26 Flüchtlingen, die im Keller ihre Zuflucht fanden, überlebten nur 13.

Das Nachkriegsleben

Nach der Befreiung wurde die Familie Levkov ins Hospital geliefert, später begann das selbstständige Leben. Mit großer Freude erfuhren sie, dass der Bruder, der vor dem Krieg in das Ferienlager geschickt worden war, lebte, weil er rechtzeitig nach Osten evakuiert war.

Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk