Das Vorkriegsleben
Maja Isaakovna Krapina, geb. Levina, wurde 1935 in Minsk geboren. Sie erinnert sich immer noch an ihre große Familie, die sehr zusammenhielte. Ihre Eltern Isaak und Sima hatten fünf Kinder. Der älteste Bruder Josef wurde 1929 geboren, die Schwester Valja - 1932, dann kamen die Schwestern Sara 1938 und Ljuba 1940 zur Welt. Valja und Josef besuchten eine russische Schule. Der Vater war Fuhrmann. Er hatte ein eigenes Pferd und einen Wagen. In ihren Erinnerungen an die Mutter unterstreicht Maja Isaakovna, dass sie viel Zeit der Kindererziehung widmete.
Die Eltern ihres Vaters Boruch und Dora lebten mit ihrer Familie zusammen. Der Opa war das tatsächliche Familienhaupt. Maja Isaakovna beschreibt ihn als einen der besten Schreiner der Stadt. Seine Werkstatt lag gerade im Innenhof des von der Familie Lewin bewohnten Hauses.
Die Familie war immer offen für viele Besuche und Gäste. Ihre damaligen Lebensbedingungen und die Versorgung konnte man als ordentlich bezeichnen, alle hatten gute Kleidung und angemessenes Schuhwerk, immer reichliches Essen. Zu dem Haushalt gehörte auch kleiner Bestand an Ziegen und Kaninchen. Besonders gern hatten sich die Kinder gesonnt, als die ganze Familie zum Abendessen, zum Sabbat, immer zusammenkam.
Der Kriegsbeginn
Maja Isaakovna erinnert sich an die ersten Tage nach dem Kriegsausbruch, als die Erwachsenen abends oft zusammen saßen und etwas flüsternd besprachen. Die Kinder konnten nur einzelne Worte verstehen, darunter kam oft das Wort Krieg, was sie aber nicht begreifen konnten. Sie wagten es aber nicht, die Eltern um die Erklärung zu bitten. Auffallend war die Tatsache, wie hastig viele Nachbarn ihre Häuser verließen und in unbekannte Richtungen flohen. Endlich entschlossen sich auch die Lewins ihr liebes Zuhause zu verlassen und nach Osten zu fliehen. Sie gelangten aber nicht weit von Minsk weg und erreichten nur die Ortschaft Smoleviči, wo Majas Mutter herkam. Die Flüchtlinge wurden in der Ortschaft oft bombardiert, deswegen beschloss die Familie, nach Minsk zurückzukehren.
Das Leben im Minsker Ghetto
Kurz nach ihrer Rückkehr nach Minsk geriet die Familie ins Ghetto. Zusammen mit anderen jüdischen Familien wurden sie in einem kleinen Blockhaus in der Suchaja-Strasse untergebracht. Man hatte ständig Angst vor fremden Blicken und schirmte immer die Fenster mit allerlei Lappen oder Bettdecken ab. Als Beleuchtung diente nur das spärliche Licht einer Kerze. Allen Familienangehörigen nähte die Mutter gelbe runde Fetzen an ihre Oberkleidung. Es mangelte immer an Verpflegung, und sie aßen alles, was man verschaffen konnte. Der älteste Bruder Josef brachte manchmal Kartoffelschalen nach Hause. Dann wurden sie sauber gewaschen und gekocht.
Maja Krapina erinnert sich an viele Menschen, die sich aus der ganzen Stadt und den Vororten nicht weit von ihrem Haus versammelten. Es ging dabei meistens um den Tausch von Lebensmitteln gegen allerlei Sachen der Ghettoinsassen. Nicht selten kamen an den Stacheldrahtzaun Bekannte, um die Krapins zu unterstützen. Dieser Tauschhandel war aber gefährlich, denn die Polizisten konnten jeder Zeit das Feuer eröffnen. Bald wurde allerdings jede Hilfe und Unterstützung der jüdischen Bevölkerung von den Deutschen ganz verboten.
Von der ganzen Familie Krapins bekamen nur der Vater, die Mutter, der Bruder Josef und der Opa die Möglichkeit zu arbeiten. Nachdem die Deutschen angefangen hatten, die Leute auch am helllichten Tage zu erschießen, pflegte Majas Mutter zu Hause zu bleiben und beobachtete die Kinder. Der Vater und der Opa arbeiteten in einer Schneidemühle. Josef war Heizer und er sollte Kohle tagtäglich entladen. An die Arbeit wurden die Menschen in großen Kolonnen getrieben. Es kam der Tag, als die Kolonne mit Majas Verwandten ins Getto nicht zurückgekommen war. Da wurde allen klar, dass diese Menschen irgendwo unterwegs ermordet wurden.
Durchs Fenster ihres Zimmers sah Maja oft Kolonnen von Insassen, die von Wachmannschaften zum jüdischen Friedhof gebracht wurden. Kurz darauf fuhren auch schwarze Wagen. Maja Isaakovna kann sich noch heute daran erinnern, dass »sie sofort zum Friedhoftor gelaufen sind, wenn eine Kolonne erschien oder Wagen vorbeikamen. Sie versteckten sich hinter dem Wärterhäuschen am Tor und beobachteten heimlich diese Geschehnisse. Man ließ die Leute an langen Gräbern links vom Tor antreten, dann knallten die Schüsse. Nachdem die Wachmänner mit Erschießung fertig waren, streuten sie dort ein weißes Pulver (Kalk) und schütteten Erde über die Leichen. Die Wagen und die Wachmannschaft fuhren fort. Dann kamen die Kinder direkt an die Gräber und sahen, dass sich der Erdboden an manchen Stellen bewegte.« (M.I. Levina-Krapina: Die dreifach Wiedergeborene. Erinnerungen einer ehemaligen Gefangenen des Minsker Ghettos, Minsk 2008, S. )
Der 7. November 1941 kommt Maja Isaakovna gut ins Gedächtnis, denn das war der Siegestag der sozialistischen Oktoberrevolution und der Tag des ersten Pogroms im Ghetto, an dem viele Insassen ermordet wurden. Nach diesen schrecklichen Ereignissen fing Maja Krapins Familie an, sich in einem vom Vater und vom Opa rechtzeitig errichteten und gut getarnten Versteck zu verbergen. Unter Ghettoinsassen nannte man solche Verstecke »Malina«, und fast alle Ghettoinsassen hatten sie. Trotzdem wurden viele Leute auch dort ertappt. Das passierte mit Majas Mutter und den Schwestern Sara und Ljuba, die noch Säuglinge waren. Sie wurden verhaftet und abgeführt. Die älteste Schwester Valentina hatte Glück: gutherzige Leute retteten sie, indem sie die Kleine ins Kinderheim gebracht haben, denn sie hatte kein jüdisches Aussehen.
Die Flucht aus dem Minsker Ghetto
Im Oktober 1942 schlug Majas dreizehnjähriger Bruder Josef vor, aus dem Ghetto zu fliehen. Er besuchte oft das sogenannte russische Viertel und hatte die Absicht, sich zu den Partisanen zu begeben. Oft kam er den Leuten bei der Ghettoflucht zu Hilfe. Nachdem die Mutter und die Schwester ermordet waren, kam er zum Entschluss, Maja und andere Kinder zu retten. Er bildete eine Gruppe, insgesamt etwa fünfzehn Kinder, und brachte sie über den jüdischen Friedhof zum Bahnhof. Dort versteckten sie sich ein einem leeren eisernen Tank und blieben ganze drei Tage wartend in diesem Versteck. Josef erfuhr, dass das Ghetto mit allen seinen Insassen inzwischen vernichtet wurde, und beschloss die Kinder zu Partisanen zu bringen. Sie wanderten einige Tage und »mit vor Hunger angeschwollenen Gesichtern, verlaust und verdreckt« erreichten sie die Kutusow-Partisanentruppe, die nicht weit vom Dorf Porečje stationiert war. Insgesamt versammelten sich dort über vierzig Kinder, denen es glückte, rechtzeitig aus dem Ghetto zu fliehen. Sie waren nicht im gleichen Alter, doch alle erlebten die gleiche Tragödie.
Die Partisanen wurden ständig von den deutschen Strafeinheiten angegriffen, deswegen beschloss das Truppenkommando, die Kinder bei den Dorfeinwohnern in Porečje in der Partisanenzone unterzubringen. Maja Isaakovna Levina erhielt ihre Unterkunft bei der jungen Anastasija Sinovjevna Hurs, ihr Mann kämpfte bei den Partisanen und ist in einem Gefecht gefallen. Eigene Kinder hatten diese gutherzige Frau nicht. Sie zog die kleine Maja Levina als eigene Tochter auf. Der Bruder Josen fand sein Obdach bei einem alten kinderlosen Ehepaar. Mit viel Kummer und Sorge hielten alle Dorfbewohner zu den jüdischen Kindern.
Mit besonderer Aufregung erinnert sich Maja Isaakovna an den sogenannten »Marathonlauf« - so nannten die Partisanen und die hiesige Bevölkerung, die gegen sie gerichteten deutschen Militäroperationen. In solchen Fällen floh das gesamte Dorf in den Wald und versteckte sich im großen Moor. Sie blieben dort bis zum verabredeten Signal der Partisanen und erst dann kamen sie in ihre Häuser zurück. Bei solch einem „Marathonlauf“ schafften Majas Bruder und seine Pflegeeltern es nicht rechtzeitig zu fliehen. Die verhafteten Dorfbewohner wurden am Flussufer erschossen. Majas Bruder und eine Gruppe weißrussischer Kinder verschleppte man in ein KZ. Josef hatte im Dorf den russischen Familiennamen Novikov bekommen, und wurde von niemandem glücklicherweise verraten.
Die Befreiung und das Nachkriegsleben
Nach dem Kriegsende schickte Anastasija Sinovjevna Hurs die kleine Maja Levina ins Kinderheim in der Ortschaft Talka. Einige Monate danach wurde sie von ihrem Onkel Leo Novodvorcev gefunden und nach Minsk in seine Familie gebracht. Dort blieb sie etwa ein Jahr lang. Als ihr Onkel geheiratet hatte, kehrte sie ins Kinderheim zurück, diesmal aber in Minsk.
1946 kehrte Josef aus Deutschland zurück. Es glückte ihm im deutschen KZ zu überleben. Gleich nach der Befreiung durch sowjetische Truppen wurde er von einer Militäreinheit als sogenannter »Regimentssohn« aufgenommen. Dann adoptierte ihn ein Oberst und brachte ihn nach der Demobilisierung nach Minsk mit. Bald darauf ging Josef in eine Berufsschule. Er besuchte oft seine Schwestern im Kinderheim. Dann wurde er in die Armee einberufen und diente im Fernen Osten. Nach der Entlassung heiratete er und wohnte in Riga. Jetzt wohnt er in den USA.
1947 ging Maja Isaakovna in die Schule. In der Nachkriegszeit war sie von der Sportgymnastik begeistert, die ihr weiteres Schicksal geprägt hatte. Nach dem Abschluss der 7. Klasse besuchte sie die Fachschule für Sport und Körperkultur in der Stadt Vitebsk. Dort lernte sie ihren künftigen Mann Igor Krapin während der gemeinsamen Sportübungen kennen. Sie waren am Sportwettbewerb in der Stadt, auf der Republik- und der Unionsebene beteiligt, nahmen hohe Plätze ein und wurden mit Ehrenkunden und vielen Pokalen ausgezeichnet. 1957 heirateten sie. Während der Unionsmeisterschaft in Akrobatik 1960 in Lvov errang das Ehepaar Krapin sogar den Landesmeistertitel der UdSSR. Danach begannen Maja und Igor Krapin mit akrobatischen Nummern auf städtischen Bühnen in Weißrussland aufzutreten und zogen bald nach Minsk um. 1958 kam ihre Tochter Lena zur Welt. Von 1961 bis 1981 arbeiteten Maja Isaakovna und ihr Mann an der Minsker Philharmonie. Als beide Rentner wurden, organisierten sie ein Kinderstudio für Zirkuskunst bei dem Kulturpalast der Eisenbahner. Dieses Studio entwickelte sich bald darauf zum Nationalzentrum des künstlerischen Schaffens für Kinder und Jugendliche. Das Ehepaar übernahm dort die Regieführung.
Mit ihrer Retterin, Anastasija Sinovjevna Hurs, hat Maja Isaakovna immer noch ständige freundschaftliche Beziehungen. Sie besucht ihre zweite Mutter bei jeder Gelegenheit. Maja Isaakovna Krapina ist ihr erkenntlich dankbar für ihr gerettetes Leben.
Öffentliches Engagement
Seit 1991 ist Maja Isaakovna Krapina der jüdischen Wohlfahrtseinrichtung »Hesed-Rachamim« tätig, 1994 übernahm sie die Leitung dieser öffentlichen Institution im Zentralstadtkreis von Minsk. Sie ist dort für humanitäre Hilfe und Verteilung von Hilfssendungen verantwortlich. Mitte 90-er begann Maja Isaakovna Krapinina mit Suchforschungen nach weißrussischen Judenrettern. Zurzeit sind es schon über 700 Menschen, die mit dem Ehrentitel »Gerechter unter den Völkern« ausgezeichnet wurden.
Erstellt von den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Minsk