Erich Klibansky wurde 1900 in Frankfurt am Main geboren und besuchte das Frankfurter humanistische Goethe-Gymnasium. Anschließend studiert er an der Marburger Universität und promoviert im Fach Geschichte über „Die topographische Entwicklung der kurmainzischen Ämter in Hessen“. Später lehrt Erich Klibansky als Gymnasiallehrer in Frankfurt und Breslau. 1927 heiratet er Meta David. Aus der Ehe gehen drei Kinder hervor. Hans Raffael, Alexander und Michael.
Mit gerade mal 28 Jahren wird Erich Klibansky 1929 Direktor der Jawne-Schule, des einzigen jüdischen Gymnasiums im Rheinland. Die Familie Klibansky wohnte in der Volksgartenstraße 10 in Köln. Meta Klibansky unterrichtete in der Jawne-Schule Englisch. Erich und Meta Klibansky lebten als Juden zwar orthodox und toratreu, waren aber zugleich politisch und intellektuell Teil der modernen deutschen Gesellschaft. (http://www.jawne.de/content/aktuelles/index_ger.html)
Nach der Machtübernahme Hitlers wurde ihm die Gefahr, die für Juden in Deutschland ausging, relativ schnell klar. Viele jüdische Schülerinnen und Schüler auf öffentlichen Schulen wurden seit dem Opfer antisemitischer Angriffe durch Lehrerinnen und Schülerinnen, weswegen etliche auf die Jawne-Schule wechselten. Für die jüdischen Schülerinnen wurde die von der orthodoxen Gemeinde Adass Jeschurun getragene Jawne damit zu einem Schutzraum vor antisemitischen Aktionen. Erich Klibansky bereitete ab da seine Schüler auf ein Leben im Ausland vor. Seit 1933 wurde deswegen in der Jawne großen Wert auf moderne Fremdsprachen, vor allem Englisch, Französisch und Hebräisch, gelegt. Dabei erreichte Klibansky, dass in der Jawne-Schule das Cambridge-Zertifikat erworben werden konnte. 1937 startete die erste englischsprachige Abschlussklasse. Einer der Schüler war Kurt Marx https://zeitzeugenarchiv.gwminsk.by/ru/archiv/koln/marks-kurt. Nach den November-Pogromen 1938 entschied das britische Parlament, unbegleitete jüdische Kinder aus Deutschland aufzunehmen. Von da an begann Klibansky mit Unterstützung durch die Universitätsbehörde von Cambridge die Kindertransporte nach England zu organisieren. Der erste Zug ging bereits am 17. Januar 1939 von Köln nach London. Drei weitere Züge nach Liverpool, Brighton und Manchester folgten bis zum Juli 1939. Erich Klibansky fuhr mit jedem Zug nach England mit und kehrte anschließend wieder zurück zu seiner Familie. Freunde baten Klibansky eindringlich, selbst nach Liverpool auszuwandern. Er selber entgegnete jedoch, er werde erst auswandern, wenn er alle seine Schüler gerettet habe. (http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/29201) Der Krieg machte seinem Vorhaben allerdings einen Strich durch die Rechnung. Bis dahin rettete er zwischen Januar und Juli 1939 mehr als 130 Kinder vor dem Tod. Seine Familie und sich selbst zu retten gelang ihm jedoch nicht.
Durch Briefe, die er an Professor Bruno Kisch, den Vorsitzenden des Kuratoriums der Jawne bis zu seiner Emigration im Dezember 1938, schrieb, wissen wir, dass Erich Klibansky versuchte eine Stelle in den USA zu finden und dazu die nötigen Bürgschaften für die Auswanderung aufzutreiben. In einem dieser Briefe schrieb er:
„Ich habe mich zwar im letzten Jahr als ganz geschickt erwiesen, anderen weiterzuhelfen, und alleine mehrere Hundert Erwachsene und Kinder herausbefördert, doch bei uns selbst habe ich vorläufig noch keine so glückliche Hand gehabt.“
Damit sollte er leider bis zum Schluss Recht behalten. Nachdem sie 1939 noch fest damit rechneten, nach Großbritannien auswandern zu können, und dazu ihre Möbel zur Verschiffung nach Bremen schickten, sanken die Chancen auf eine Auswanderung mit Beginn des Krieges rapide. Anscheinend hat Familie Klibansky zu der Zeit im Gebäude der Jawne-Schule gewohnt. Dies wird durch einen weiteren Brief an Bruno Kisch deutlich:
„Wir „wohnen“ in dem kleinen Zimmer, in dem letztes Jahr unser Kurs von 8-9 stattfand. Das kleine Stückchen dunkler Flur davor ist unsere Küche, Badezimmer usw. und in dem anschließenden Klassenzimmer links schlafen die Söhne. […] Unser Haushalt ist ja schon im Mai aufgelöst und abgesandt worden, so dass wir in geliehenen Möbeln hausen, was ja für einige Wochen, wie vorgesehen, ganz erträglich war, aber...“
Die Schule wurde zum 30. Juni 1942 geschlossen, ab dem Tag wird das israelitische Krankenhaus dorthin verlegt. Zwei Wochen später bekamen Erich Klibansky und seine Familie einen Bescheid zum „Abwanderungstransport“. Zeit und Zielort wurden zunächst nicht bekannt gegeben. Schließlich mussten sie sich am 20. Juli 1942 zwischen 10 und 15 Uhr am Bahnhof Köln Messe/Deutz einfinden. Die Anordnung, die erst kurz vor der Deportation erfolgte, enthielt zusätzlich die Aufforderung einen Rucksack mit Bettwäsche und Kleidern sowie Verpflegung für drei Tage und 50 Reichsmark Reisekosten mitzubringen. Nicht verbrauchte Lebensmittelmarken und der Wohnungsschlüssel, sowie Wertsachen mussten ebenfalls mitgenommen werden. Gegenstände, die auf Grund ihrer Größe nicht mitgenommen werden konnten mussten im Vorfeld an entsprechenden Stellen in Köln abgegeben werden. Gegen 15 Uhr verließ der Zug mit der Nummer DA 219 mit 1164 jüdischen Menschen aus Köln und Umgebung Köln-Deutz in Richtung Minsk. Dabei offenbart schon die Zugnummer den Zynismus der deutschen Behörden, da DA für „Deutsche Aussiedler“ stand. Inoffiziell war es die Abkürzung für „Davidzug“. Mit an Bord waren auch rund 100 Schüler Klibanskys. Meta Klibansky verfasste noch im Zug eine Postkarte an die befreundete Familie Käthe und Rudi Jakoby und ihre Tochter Hannelore. Wie genau diese ihren Weg aus dem Zug in einen Briefkasten gefunden hat, ist nicht überliefert. Jedoch wurde diese Karte am 21.7.1942 – 22 Uhr in Berlin abgestempelt und erreichte ihren Empfänger.
„Im Zuge, d. 21.7.42
Liebe Familie Jakoby,
unsere Gedanken gehen zurück ins Vergangene – und da drängt es mich, Ihnen Beiden von Herzen zu danken für alle Hilfe, die Sie uns geleistet haben. Ist es Zufall, dass die Fam. Jakoby die erste war, die ich privat an Menschen in Köln kennen lernte, und dass Sie auch die letzten waren, die uns so Freunde geblieben sind? Lassen Sie mich von Ihnen Abschied nehmen mit dem innigen Wunsch für Ihr Wohlergehen, bleiben Sie drei verschont vor Leid und Schwerem. Vielleicht sehen wir uns eines Tages mal wieder. Grüssen Sie Hannelore herzlich von uns, sie soll Ihnen viel Freude machen. Nehmen Sie nochmals innigen Dank und alles Gute, Ihre Klibanskys.“
„Ihr Klibansky. Hoffentlich bleibt die Fahrt so, wie es angefangen hat.“ (nachträglich von Erich Klibansky hinzugefügt.)
Am 24. Juli 1942 erreicht der Zug Minsk. Die 1164 Menschen werden in den Wald von Blagowschtschina gebracht und noch am selben Tag durch Erschießen oder Vergasen ermordet. Jahrzehnte nach Kriegsende findet Hannelore Jakoby nach dem Tod ihrer Mutter einen Silberlöffel mit den Initialen E M K zwischen dem Besteck von Käthe Jakoby. Erst später erkennt sie die Bedeutung: Erich und Meta Klibansky. Dieses Hochzeitsgeschenk ist bis heute im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln zu finden.
Quellen:
Ausstellung „Meta und Erich Klibansky: Zwischen selbstbewusstem Judentum und Moderne“: Dietrich, Ulla; Stellmacher, Adrian; Winckel, Änneke.
Corbach, Dieter: 6:00 ab Messe Köln-Deutz. Deportationen 1938 – 1945. Köln 1994.
Diessen, Christoph: Angst hatte ich, als ich in Deutschland war. In: Die Welt 17. Oktober 2003. URL: https://www.welt.de/regionales/koeln/article120981651/Angst-hatte-ich-als-ich-in-Deutschland-war.html, abgerufen am 22. Dezember 2017.
Kaufhold, Roland: Der Retter vom Volksgarten. In: Jüdische Allgemeine Zeitung 27. Juli 2017. URL: http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/29201, abgerufen am 22. Dezember 2017.
Kirkegaard, Sarah: Mit dem Sonderzug in den Tod. In: Taz. Die Tageszeitung 31. Oktober 2006. URL: http://www.taz.de/!358434/, abgerufen am 8. Januar 2018.
Lern- und Gedenkort Jawne: Sonderausstellung Meta und Erich Klibansky. URL: http://www.jawne.de/content/aktuelles/index_ger.html, abgerufen am 22. Dezember 2017.
Erstellt von Dennis Rabeneick