Jenny Pincus,
geb. 17.1.1871, deportiert am 18.11.1941 nach Minsk
Bornstraße 16 (Rotherbaum)
Jenny Pincus war das erstgeborene Kind des Hamburger Auktionators und Kaufmanns Jeremias Pincus (1838-1896) und seiner ebenfalls aus Hamburg stammenden Ehefrau und Cousine Fanny Pincus geb. Jacobsohn (1841–1891). Die Eheleute hatten am 1. Februar 1868 in Hamburg standesamtlich geheiratet und waren am 23. Februar 1868 von Oberrabbiner Stern in der Synagoge getraut worden. Auch die Großeltern, der aus Moisling bei Lübeck gebürtige Schneidermeister, Mützenmacher bzw. Kürschner Pincus Levin Pincus (1808–1884) und die Hamburgerin Betty Pincus geb. Mathias (1807–1890) sowie der Handelsmann Hermann Jacobsohn (1804?–1876) und Philippine Jacobsohn geb. Philip (1805–1892) hatten in Hamburg gelebt, während der Familienname Pincus im Hamburger Adressbuch von 1842 noch nicht verzeichnet war. Nach der Geburt von Jenny Pincus in der 1. Elbstraße 45 kamen die Geschwister Gertha (5.1.1872), Rosalie (24.12.1872) und Leo (14.2.1877) zur Welt. Die Familie wohnte von 1867 bis 1880 am Großneumarkt 42 (Neustadt). Die Mutter Fanny Pincus starb 1891. Die restliche Familie wechselte in den 1890er Jahren in die Annenstraße 5 (St. Pauli), wo sie in einfachen Verhältnissen im Keller, in der Mathildenstraße 5 I (St. Pauli), im II. Durchschnitt 11/13 Haus 4 Parterre (Eimsbüttel) und in der Peterstraße 28 I.Stock (Neustadt) zur Untermiete beim Handelsmann Elkan Gattel (1853–1909) lebte. Hier in fußläufiger Nähe befand sich in der Hausnummer 17a von 1853 bis 1919 die Synagoge der Vereinigten Alten und Neuen Klaus; in der nahegelegenen Straße Kohlhöfen 17/18 war seit 1859 die Hauptsynagoge der Deutsch-Israelitischen Gemeinde. Der Vater starb im März 1896 im Israelitischen Krankenhaus und wurde auf dem Jüdischen Friedhof Ohlsdorf neben seiner ersten Ehefrau Fanny beigesetzt. Seine zweite Ehefrau Dora Pincus geb. Unna (geb. 22.5.1849 in Rendsburg), von der er zuletzt getrennt lebte, starb 1900 in Hamburg.
Jenny Pincus besuchte die Israelitische Töchterschule bis zum 14. Lebensjahr (also bis 1885). Sie erlebte die Einweihung des Schulneubaus im April 1884 in der Karolinenstraße 35 noch als Schülerin. Anschließend begann sie 1886 eine Lehre bei der Firma Gebr. Heilbut. Danach war sie zunächst als Verkäuferin und später als Einkäuferin und Leiterin der Haushaltsabteilung beim Kaufhaus Tietz (ab 1897 am Großen Burstah und ab 1912 am Jungfernstieg) tätig, wo sie 28 Jahre lang blieb. Sie erhielt ein für Frauen stattliches Gehalt von monatlich RM 450 zuzüglich Tantiemen. Befreundet war sie mit der alleinstehenden Buchhalterin Emma Cohn (geb. 2.10.1874 in Hamburg).
Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten wurde auch das im jüdischen Besitz befindliche Kaufhaus Tietz zur Zielscheibe der ersten großen antisemitischen Aktionen, nicht nur, weil es in jüdischem Besitz war, sondern auch, weil sich die nationalsozialistische Kampagne auch gegen Warenhäuser richtete. Am 11. März 1933 sperrten Angehörige der SA den Zugang zum Warenhaus Tietz ab, die Polizei schritt nicht ein. Am 1. April 1933 gab es auch in Hamburg zentral gelenkte Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte, Ärzte und Anwälte, deren Einrichtungen mit Parolen wie "Kauft nicht beim Juden" beschmiert wurden. Ab dem 1. April 1933 wurde den Hamburger Warenhäusern Tietz, Karstadt, Woolworth und EPA (Einheitspreis-AG) vom Hamburger Senat ein 20%iger Strafaufschlag zur Gewerbesteuer auferlegt ("Warenhaussteuer"). Die im Zuge der Wirtschaftskrise ab 1929 stark rückläufige Nachfrage hatte auch beim Warenhaus Tietz zu massiven Umsatzeinbrüchen und daraus resultierend zu Liquiditätsengpässen geführt. Der Entschuldungsplan von März 1933 war bereits klar nationalsozialistisch ausgerichtet und zielte auf die Verdrängung der jüdischen Geschäftsführer und Mehrheitseigentümer Georg Tietz (Berlin), Martin Tietz (Berlin) und Hugo Zwillenberg (Berlin) ab. Am 8. September 1933 wurde im Handelsregister die Prokura der leitenden jüdischen Mitarbeiter gestrichen und "arische" eingesetzt. Die ersten langjährigen jüdischen Mitarbeiter wurden entlassen. Dresdner Bank, Deutsche Bank sowie Commerz- u. Privat Bank AG erwarben die Aktien der Familie Tietz. Die im staatlichen Besitz befindliche Dresdner Bank, die gute Kontakte zur NSDAP unterhielt, übernahm federführend die "Gleichschaltung der Zentralverwaltung" des 1897 gegründeten Berliner Kaufhauskonzerns Tietz mit seinen Niederlassungen in Hamburg, München, Stuttgart, Karlsruhe, Straßburg, Gera, Weimar mit insgesamt rund 18.000 Beschäftigten. In der Folge verließen die ehemaligen jüdischen Mehrheitseigentümer den Konzern und auch Deutschland. 1935 wurde allen jüdischen Beschäftigten gekündigt, darunter in der Hamburger Niederlassung auch Jenny Pincus und Hermann Simon Hirsch (siehe dort). Der Kaufhauskonzern wurde auf diese Weise "kalt arisiert". Mit zwei neuen "arischen" Geschäftsführern, Georg Karg (1888–1972) und Max Friedland sowie neuen Namen für die Zweigniederlassungen (in Hamburg "Alsterhaus", in Gera "Union", in Weimar "Hans Kröger") wurde der Warenhauskonzern weitergeführt. Mit tatkräftiger Unterstützung der Dresdner Bank konnte der ehemalige Leiter des zentralen Textileinkaufs bei Tietz, Georg Karg, die Warenhauskette 1939/40 erwerben. Nur durch die Bereitstellung von Bankkrediten war diese scheinlegale "Arisierung" eines großen Warenhauses möglich.
Wie ihre jüdischen Kollegen verlor 1935 auch die alleinstehende Jenny Pincus ihre Arbeitsstelle; im Oktober 1935 zog sie mit ihrer Freundin Emma Cohn, mit der sie zusammenwohnte, aus der Isestraße 98 (Harvestehude) in die Lenhartzstraße 3 I. Stock (Eppendorf). Ebenfalls im ersten Stock dieses Hauses hatte der Kaufmann Carl Löwenberg (1869–1942) seine Wohnung, ein Stolperstein vor dem Haus erinnert an ihn. Aufgrund ihrer langjährigen Betriebszugehörigkeit bezog Jenny Pincus ab März 1938 ein Ruhegeld von knapp 90 Reichsmark, das ab Juni 1941 auf RM 95,60 erhöht wurde.
Ab 15. September 1938 wohnte Jenny Pincus in der Bornstraße 16 (einem zum "Judenhaus" erklärten Gebäude). Hier lebte sie im Hochparterre mit bzw. bei ihrer Freundin Emma Cohn. Von hier aus wurden beide Frauen am 18. November 1941 ins Getto Minsk deportiert. Der Deportationszug verließ den Hannoverschen Bahnhof in Hamburg am 18. November 1941 und erreichte zwei Tage später die besetzte weißrussische Hauptstadt Minsk. Eine Begleitmannschaft der SS fuhr in einem angekoppelten Sonderwagen mit. Bereits 10 Tage vorher war ein erster Transport aus Hamburg eingetroffen. Von den rund 7.000 deutsch-jüdischen Häftlingen im Getto Minsk überlebten nicht einmal ein Dutzend den Hunger, die Infektionskrankheiten und die Erschießungsaktionen der SS. Die genauen Umstände und das Datum des Todes von Jenny Pincus sind nicht bekannt.
"Jenny Sara Pincus" war 1942 noch im Hamburger Adressbuch mit der Anschrift Bornstraße 16 verzeichnet, als sie vermutlich längst gestorben oder ermordet worden war. Sie wurde vom Amtsgericht Hamburg auf den 31. Dezember 1945 für tot erklärt.
Ihre ältere Schwester Gertha Pincus (geb. 5.1.1872 in Hamburg) wurde am 23. September 1940 aus der Heil- und Pflegeanstalt Hamburg-Langenhorn in die Tötungsanstalt Brandenburg deportiert; ihr genaues Todesdatum dort im Rahmen der nationalsozialistischen "Euthanasie" ist nicht bekannt. Das Amtsgericht Hamburg erklärte sie im Mai 1953 für tot, als Todeszeitpunkt wurde vom Gericht "Ende 1945" festgelegt.
Ihre Schwester Rosalie (Rosa) Pincus (geb. 24.12.1872 in Hamburg), die ebenfalls als Verkäuferin arbeitete, heiratete 1901 Isaac Siegmund Cohen (geb. 2.1.1872 in Altona) und lebte mit ihm in Hamburg, wo auch die Töchter Hedwig (1904) und Ruth (1909) geboren wurden. Die Familie emigrierte nach Palästina, wo Rosalie Cohen 1950 in Tel Aviv starb.
Ihr Bruder Leo Pincus (geb. 14.2.1877 in Hamburg) war u.a. von 1896 bis 1910 als Handlungscommis (Verkäufer), später als Einkäufer und ab 1920 in eigener Firma als Agent mit Textilwaren-Vertretungen tätig (u.a. für die Bandweberei H. A. Nierhaus). Er heiratete 1906 Mathilde Hübener (1880–1965); die Eheleute lebten u.a. von 1910 bis 1928 in der Gosslerstraße 65 (Eppendorf) und ab 1929 in der Innocentiastraße 47 (Harvestehude). Leo Pincus war 1915 als Soldat eingezogen worden. Er gehörte seit 1913 der Deutsch-Israelitischen Gemeinde sowie dem orthodoxen Synagogenverband an. Die wirtschaftlichen Behinderungen der Nationalsozialisten gegenüber jüdischen Gewerbetreibenden führten bei Leo Pincus zu einem spürbaren Geschäftsrückgang. Er zog nun mit seiner Ehefrau aus der 4 ½-Zimmer-Wohnung in der Innocentiastraße 47 in eine 3 ½-Zimmer-Wohnung in der Bornstraße 28 (Rotherbaum). Im Zuge des Novemberpogroms ("Reichskristallnacht") wurde er am 9. November 1938 ins Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt und misshandelt. Ende Dezember 1938 wurde er entlassen. Am 29. November 1939 emigrierten die Eheleute Pincus mit einer italienischen Schiffslinie von Genua nach Valparaiso/ Chile. In Santiago de Chile lebte ein Cousin der Ehefrau, der sie aufnahm. Sie lebten in finanzieller Not, erst ab 1941 fand Leo Pincus eine gering bezahlte Inkassotätigkeit. Das Klima und die traumatischen Erlebnisse im NS-Deutschland machten sich in Form von gesundheitlichen Beschwerden bemerkbar; Leo Pincus starb 1946 in Santiago de Chile an einem verfolgungsbedingten Herzinfarkt. Seine Witwe Mathilde Pincus kehrte 1951 nach Hamburg zurück, auch sie vertrug das Klima in Chile nicht und litt unter asthmatischen Beschwerden.
Eine weitläufige Verwandtschaft zu den vier Geschwistern Martin Pincus (siehe dort), Selma Pincus, Ella Valk geb. Pincus und Rieckchen Weil geb. Pincus ist denkbar, da beide Familienzweige aus Moisling bei Lübeck stammten.
© Beate Meyer / Björn Eggert
Quellen: Staatsarchiv Hamburg (StaH) 231-7 (Amtsgericht Hamburg, Handels- u. Genossenschaftsregister), B 1995–76 (Zweigniederlassung Hermann Tietz, 1896–1935); StaH 332-3 (Zivilstandsaufsicht 1866–1875, Vorläufer der Standesämter), B Nr. 16 (150/1868, Heirat von Jeremias Pincus u. Fanny Jacobsohn); StaH 332-3 (Zivilstandsaufsicht), A Nr. 103 (380/1871, Geburt von Jenny Pincus); StaH 332-3 (Zivilstandsaufsicht), A Nr. 123 (145/1871, Geburt von Gertha Pincus); StaH 332-5 (Standesämter), 17 u. 2649/1876 (Sterberegister 1876, Jermann Jacobsohn); StaH 332-5 (Standesämter), 1904 u. 847/1877 (Geburtsregister 1877, Leo Pincus); StaH 332-5 (Standesämter), 161 u. 524/1884 (Sterberegister 1884, Pincus Lewin Pincus); StaH 332-5 (Standesämter), 275 u. 1300/1890 (Sterberegister 1890, Betty Pincus geb. Mathias); StaH 332-5 (Standesämter), 297 u. 2130/1891 (Sterberegister 1891, Fanny Pincus geb. Jacobsohn); StaH 332-5 (Standesämter), 327 u. 3602/1892 (Sterberegister 1892, Philippine Jacobsohn geb. Philip); StaH 332-5 (Standesämter), 395 u. 444/1896 (Sterberegister 1896, Jeremias Pincus); StaH 332-5 (Standesämter), 466 u. 893/1900 (Sterberegister 1900, Dora Pincus geb. Unna); StaH 332-5 (Standesämter), 8610 u. 490/ 1901 (Heiratsregister 1901, Rosalie Pincus u. Isaac Siegmund Cohen); StaH 332-5 (Standesämter), 8644 u. 50/1906 (Heiratsregister 1906, Leo Pincus u. Mathilde Hübener); StaH 332-7 (Staatsangehörigkeitsaufsicht), Bürger-Register (1855 Schneidermeister Pincus Levin Pincus); StaH 332-8 (Alte Einwohnermeldekartei 1892–1925), Jeremias Pincus, Rosalie Pincus; StaH 351-11 (Amt für Wiedergutmachung), 1391 (Jenny Pincus); StaH 351-11 (AfW), 5007 (Mathilde Pincus geb. Hübener); StaH 351-11 (AfW), 3422 (Leopold Bernstein, Tietz-Angestellter); StaH 522-1 (Jüdische Gemeinden), 992b (Kultussteuerkartei der Deutsch-Israelitischen Gemeinde Hamburg), Jenny Pincus, Leo Pincus; Jüdischer Friedhof Ohlsdorf, Gräberkartei (Jeremias Pincus, Fanny Pincus geb. Jacobsohn, Pincus Lewin Pincus, Betty Pincus geb. Mathias); Stadtarchiv Gera, Auskunft vom 31.3.2014 zur Namensänderung des Tietz-Kaufhauses; Stadtarchiv Weimar, Auskunft vom 22.4.2014 zur Namensänderung des Tietz-Kaufhauses; Beate Meyer (Hrsg.), Die Verfolgung und Ermordung der Hamburger Juden 1933–1945, Hamburg 2006, Seite 62–64 (Deportationsziel Minsk), S. 174 (Kurzbiografie Jenny Pincus); Frank Bajohr, "Arisierung" in Hamburg. Die Verdrängung der jüdischen Unternehmer 1933–1945, 2. Auflage, Hamburg 1998, S. 55–57 (Kaufhaus Tietz); Omgus (Office of Military Government for Germany, United States Finance Division), Ermittlungen gegen die Dresdner Bank 1946, Verlag Zweitausendeins, ohne Jahresangabe, Seite XXXV (Tietz-Konzern); Hamburger Börsenfirmen, 36. Auflage, Hamburg 1935, Seite 663 (Leo Pincus, Agent für Textilwaren, Lange Mühren 9), Seite 852 (Hermann Tietz & Co.); Hamburger Adressbuch, Straßenverzeichnis (Gr. Neumarkt 42) 1867, 1868, 1870, 1872, 1880; Hamburger Adressbuch 1892, 1894, 1896, 1936, 1939, 1942; Hamburger Adressbuch (Leo Pincus), 1910, 1915, 1920, 1926, 1928, 1929 und 1930; Fernsprechbuch Hamburg 1931, 1932 (Jenny Pincus u. Emma Cohn mit der gleichen Rufnummer); Hamburger jüdische Opfer des Nationalsozialismus. Gedenkbuch, Hamburg 1995, Seite 326 (Gertha Pincus, Jenny Pincus); Bundesarchiv Koblenz, Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945, Internet (Gertha Pincus, Jenny Pincus mit Geburtsjahr 1870).
Diese Biographie entstand im Rahmen des Projektes „Stolpersteine in Hamburg – biographische Spurensuche“ unter Leitung von Dr. Rita Bake (Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg) und Dr. Beate Meyer (Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Hamburg).