Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Nachum Günther

Nachum Günther

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Deutschland
Geburtsort 
unbekannt
Beruf 
-
Deportationsdatum 
1941
Unterbringung/Inhaftierung 
Minsker Ghetto
Schicksal 
Todesdatum und -umstände unbekannt
Berichtsart 
Familiengeschichte

Günther Nachum *1925

Grindelhof 29 (Eimsbüttel, Rotherbaum)

1941 in Minsk ermordet

Erinnerungen an meinen Jugendfreund Günther Nachum
Es liegt alles schon so lange zurück und so viel ist seit damals geschehen. Ganze Familien wurden ausgelöscht, oft ohne irgendwelche Verwandten zu hinterlassen, die sich nach dem Krieg über das Schicksal ihrer Lieben informieren wollten. Bei dem Ehepaar Nachum und deren Kindern Ruth und Günther sehe ich, dass entfernte Verwandte in Kanada nach ihnen bei Yad Vashem geforscht haben. Also gibt es Menschen, die sich an diese Familie erinnern, und so lange das so ist, sind die Nachums nicht völlig aus der Welt verschwunden und auch die jetzt verlegten Stolpersteine werden an sie erinnern.
Günther war mein Klassenkamerad und auch ein guter Freund. Er war ein großer gut aussehender und gutmütiger Junge. Ich sehe noch hin und wieder sein sommersprossiges Gesicht vor mir. Ich glaube sogar, dass wir dieselbe Schulbank in der Talmud Tora Realschule drückten. In den Pausen spielten wir Schlagball mit aus dem zusammengeknüllten Pergamentpapier der Schulbrote. Oft, natürlich unbeabsichtigt, trafen wir dabei die Lehrer, die den Schulhof in den Pausen beaufsichtigten. Günther und ein Klassenkamerad mit Nachnamen Wolf (seinen Vornamen habe ich leider vergessen) wie auch Heinz Israel und ich hatten einen Klub gegründet mit Statuten und Regeln. Wir spielten zusammen Monopoli und Mini-Fußball auf einem Brett mittels handbetätigten Miniatur-Fußballern.
Im September 1938 holte man aus unserer Schule alle polnischen Schüler und vertrieb sie samt ihrer Familien nach Polen. Und dann kam ein Malheur nach dem anderen. Die "Kristallnacht" und was ihr folgte. Ich ging in ein Vorbereitungslager für die Ausreise nach Palästina nach Blankenese und verlor so den Kontakt zu Günther. Die Nachums befanden sich auf demselben Transport wie auch meine Mutter, nach Minsk. Ich denke gerne noch an Günther und sein gutherziges Lächeln.


© Schlomo Schwarzschild, Haifa, März 2009

Anmerkung:
Schlomo Schwarzschild wurde 1925 in Hamburg geboren. Er emigrierte als 14-jähriger nach Palästina, seine Eltern und Geschwister blieben in Hamburg zurück; sie wurden 1941 deportiert und ermordet. Mehr zur Familie Schwarzschild siehe Stolpersteine in der Schlankreye 17 und in der Bornstraße 22. Schlomo Schwarzschild ist am 16. August 2009 in Haifa verstorben.

Diese Biographie entstand im Rahmen des Projektes „Stolpersteine in Hamburg – biographische Spurensuche“ unter Leitung von Dr. Rita Bake (Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg) und Dr. Beate Meyer (Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Hamburg)