Fanny Borchardt, geb. Hildesheim, geb. 18.3.1881 in Hamburg, deportiert am 23.6.1943 nach Theresienstadt, am 15.5.1944 weiter deportiert nach Auschwitz
Alfred Levy, geb. 8.6.1896 in Brodenbach, deportiert am 8.11.1941 nach Minsk
Anni Levy, geb. Borchardt, geb. 12.11.1909 in Alt-Rahlstedt, deportiert am 18.11.1941 nach Minsk
Tirze Levy, geb. 31.7.1939 in Hamburg, deportiert am 18.11.1941 nach Minsk
Beim Rauhen Hause 30
"Käufer des Grundstücks Beim Rauhen Hause 30 ist der Schwiegersohn der Wwe. Fanny S. Borchardt, der Kraftfahrer Wilhelm D ü l f e r , wohnhaft Beim Rauhen Hause 30. Dülfer ist Arier. Der Verkaufspreis des Grundstücks beträgt RM 9.900. Das Grundstück ist mit RM 7.500 belastet. Die Verkäuferin lebt ohne eigenes Einkommen im Haushalt des Schwiegersohnes." Mit dieser Feststellung bestätigte der Oberfinanzpräsident 1940 die "Arisierung" des Grundbesitzes Fanny Borchardts. Haus und Grundstück "Beim Rauhen Hause 30" blieben allerdings in der Familie, und Fanny Borchardt wohnte noch kurze Zeit in vertrauter Umgebung bei ihrer Familie.
Fanny Borchardt wurde am 31. August 1936 Witwe. Ihr Ehemann, Hugo Borchardt, starb nach mehrwöchigem Aufenthalt im Israelitischen Krankenhaus in der Eckernförderstraße an Magenkrebs und "schwerem allgemeinem Verfall". Er war am 5. Juni 1878 in Rogasen in der damals preußischen Provinz Posen als Sohn des Lehrers Salomon Borchardt und seiner Ehefrau Sophie, geb. Rosenthal, geboren und wurde Kaufmann. Die Umstände seines Zuzugs nach Hamburg sind unbekannt.
Bei seiner Heirat 1904 mit Fanny Hildesheim wohnte er in der Kollaustraße 24 in Lokstedt. Fanny Hildesheim wurde am 18. März 1881 in der Glashüttenstraße 34 in St. Pauli geboren. Ihre Eltern waren der Bankier Gedaliah Hildesheim und Friederike, gen. Rika, geb. Wolff. Sie zogen um die Jahrhundertwende an den Eimsbütteler Marktplatz 20. Hugo Borchardt und Fanny Hildesheim heirateten am 19. Mai 1904 in Hamburg. Sie schlossen sich der Wandsbeker Jüdischen Gemeinde an und verlegten ihren Wohnsitz im Jahr darauf nach Alt-Rahlstedt, wo auch Fanny Borchardts Eltern Gedaljah und Rika Hildesheim lebten. Sie gehörten vermutlich beiden Gemeinden an und zahlten an die Deutsch-Israelitische Gemeinde Hamburg einen regelmäßigen Jahresbeitrag von 15 RM. In Alt-Rahlstedt kamen zwischen 1908 und 1911 ihre vier Töchter zur Welt: Käthe, die Zwillinge Anni und Meta und als letzte Gertrud.
1925 erwarb Hugo Borchardt ein Grundstück in Hamburg-Horn in der Rudolfstraße 30, die später in "Beim Rauhen Hause" umbenannt wurde. Fanny Borchardts Mutter zog zu ihr und ihrer Familie. Außer einer kleinen Rente hatte sie keine Mittel, weshalb die Deutsch-Israelitische Gemeinde Hamburg bis zu ihrem Tod am 18. Januar 1934 keinerlei Forderungen an sie stellte.
Über die Ausbildung der Töchter ist nur bekannt, dass Anni, geb. 12. November 1909, eine kaufmännische Lehre absolvierte und als Kontoristin arbeitete. Ihre Zwillingsschwester Meta erlernte keinen Beruf. Sie emigrierte im Todesjahr ihres Vaters 1936 als verheiratete Loeb nach Dänemark und gelangte 1937 nach Palästina. Das Ehepaar schloss sich dem Kibbuz Givath Chaim an.
Käthe Borchardt ergriff ebenfalls den Beruf einer kaufmännischen Angestellten und erhielt 1936 erstmals bei der Firma Weill + Reinke in der Spaldingstraße 156/160 in Hammerbrook eine feste Anstellung. Diese gab sie auf, als sie 1937 den am 22. Dezember 1896 in Hamburg geborenen Paul Schelesnjakoff bzw. Jelesniakow, Sohn des Korrespondenten Naftal-Herz Schelesnjakoff und seiner Ehefrau Marie, geb. Traube, heiratete und mit ihm zusammen nach Paris ging.
Gertrud, geb. 7. November 1911, ging eine Ehe mit einem Nichtjuden, dem Kraftfahrer Wilhelm Dülfer ein. Dank dieser "Mischehe" blieb der Grundbesitz der Familie zunächst erhalten. Das Gebäude wurde jedoch während des Bombengroßangriffs vom 27./28. Juli 1943 schwer beschädigt und damit unbewohnbar. Wilhelm Dülfer starb 1946. Nach einem Eigentümerwechsel wurde das Haus 1956 wieder hergerichtet. 1972 ging es in den Besitz des "Rauhen Hauses" über.
Nach dem Tod Hugo Borchardts 1936 lebte Fanny Borchardt von Mieteinnahmen und der Unterstützung ihrer Tochter Gertrud.
Anni Borchardt heiratete Alfred Levy aus Brodenbach an der Mosel. Dort wurde er als Sohn von Salomon Levy und seiner Ehefrau Veronika, geb. Günther, am 8. Juni 1896 geboren. Alfred Levy studierte Elektroingenieurswesen und kam 1930 nach Hamburg, nachdem er für zwei Wochen in Blankenese und bei der Jüdischen Gemeinde Altona gemeldet war. Er führte ein wechselvolles Leben, zog mehrfach um, kehrte 1932 vorübergehend nach Brodenbach zurück, arbeitete mal als Angestellter, dann als Selbstständiger. Er unterbrach die Mitgliedschaft in der Deutsch-Israelitischen Gemeinde Hamburg nur während seines Aufenthalts in Brodenbach und entrichtete bis 1940 regelmäßige Beiträge, je nach Einkommen in wechselnder Höhe. Alfred Levy und Anni Borchardt heirateten vermutlich 1938. Ihre Tochter Tirze wurde am 31. Juli 1939 geboren. Sie lebten kurze Zeit zusammen in Anni Borchardts Elternhaus bei ihrer Schwester Gertrud Dülfer.
Fanny Borchardt zog am 10. August 1940 in die Rothenbaumchaussee 95, wurde aber im Hamburger Adressbuch bis 1943 als "Beim Rauhen Hause 30" wohnend geführt. Anni und Alfred Levy zogen in die Beneckestraße, Anni mit ihrer Tochter Tirze in das "Judenhaus" Nr. 4, Alfred wohnte getrennt von ihnen in der Nr. 11. Sie wurden auch getrennt deportiert: Alfred verließ Hamburg am 8. November 1941 nach Minsk, Anni folgte mit Tirze am 18. November. Nach Ankunft des zweiten Transports fand die Familie wieder zusammen. Über das Ergehen von Alfred, Anni und Tirze Levy ist nichts Weiteres bekannt.
Fanny Borchardt erhielt die Aufforderung zur Deportation in das "Altersgetto" Theresienstadt an ihrer neuen Adresse. Sie verließ am 23. Juni 1943 mit einem Transport von insgesamt 109 Hamburger Jüdinnen und Juden ihre Heimatstadt. Ob sie noch Kontakt zu ihren Töchtern behielt, ließ sich nicht feststellen. Nach elf Monaten im Getto von Theresienstadt wurde Fanny Borchardt am 15. Mai 1944 einem Transport nach Auschwitz zugewiesen und vermutlich unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet. Sie wurde 63 Jahre alt.
© Hildegard Thevs
Diese Biographie entstand im Rahmen des Projektes „Stolpersteine in Hamburg – biographische Spurensuche“ unter Leitung von Dr. Rita Bake (Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg) und Dr. Beate Meyer (Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Hamburg).