Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Fürst Rudolf

Fürst Rudolf

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Deutschland
Geburtsort 
Hamburg
Beruf 
Technischer Assistent, kaufmännischer Angestellter
Deportationsdatum 
1941 November 8
Unterbringung/Inhaftierung 
Minsker Ghetto
Schicksal 
Todesdatum und -umstände unbekannt
Berichtsart 
Familiengeschichte

Hedwig Fürst, geb. 4.5.1874, deportiert am 15.7.1942 nach Theresienstadt, dort am 23.7.1943 gestorben

Dr. Isidor Fürst, geb. 31.3.1859, deportiert am 15.7.1942 nach Theresienstadt, dort am 19.12.1942 gestorben

Rudolf Fürst, geb. 6.12.1899, deportiert am 8.11.1941nach Minsk

Die Familie Fürst wird von einem Verwandten, der sich noch gut an sie erinnert, als eine fröhliche, entspannte Gemeinschaft geschildert. Isidor Fürst stammte aus Lübeck. Er war Zahnarzt und hatte, ungewöhnlich für einen im Jahre 1859 Geborenen, seine zahnmedizinische Ausbildung an der Harvard Universität in den USA absolviert. Er schloss das Studium dort im Jahre 1886 ab. Noch bis 1940 erschien sein Name in der Liste der Alumni, d. h., der ehemaligen Studenten. Klaus Hannes, ein überlebender Nachfahre, fragt sich heute, warum Isidor Fürst diese Verbindungen nicht für eine rechtzeitige Auswanderung nutzte.

In Hamburg taucht sein Name zuerst 1893 im Adressbuch auf, seit 1894 in den Colonnaden 41, wo er als "Doc. of Dental Medicine, Harvard" offenbar seine erste Parxis unterhielt. Zu der Zeit lebte sein drei Jahre älterer Bruder Henry, wie Isidor in Lübeck geboren, auch schon in Hamburg. Später praktizierte Isidor Fürst bis 1935 in der Rothenbaumchaussee.

Im Januar 1897 heiratete er in Dresden Hedwig Zobel. Äußerlich waren die beiden ein ungewöhnliches Paar: Isidor, genannt Edi oder Kick, war nicht sehr groß, seine Frau überragte ihn deutlich. Das Ehepaar bekam vier Söhne, Walter, geb. 1897, Hellmuth, geb. 1898 und die Zwillinge Hans und Rudolf, geb. 1899. Für die Mutter bedeutete es eine echte Herausforderung, vier Söhne groß zu ziehen und zu versorgen, "allein schon von der Küche her, denn hungrige Sportler waren sie alle". Regelmäßig zog der Vater mit seinen Söhnen auf den Fußballplatz, um die Spiele des Hamburger Sportvereins (HSV) zu verfolgen, dem Verein, in dem auch sie selbst aktiv Sport trieben. Später mussten sie dann im jüdischen Sportverein Bar Kochbar trainieren.

Einmal soll das Quintett gemeinsam losgezogen sein, um mitzuerleben, wie eines der ersten Flugzeuge Hamburg überflog. Der Vater soll dazu kurzerhand seine Söhne vom Schulbesuch entbunden haben.

Vermutlich dienten alle vier Söhne im Ersten Weltkrieg, von Walter und Rudolf wissen wir es mit Sicherheit. Walter erlitt schwere, entstellende Gesichtsverletzungen, die mehrere Operationen notwendig machten.

Wie sein Vater wurde Hellmuth Fürst Zahnarzt und übernahm die väterliche Praxis, für die er bis 1935 noch die kassenärztliche Zulassung behielt, wahrscheinlich deshalb, weil er Frontsoldat gewesen war. Von dem Einkommen konnte die Familie leben, aber keine großen Ersparnisse ansammeln.

Später betreuten Vater und Sohn in der Isestraße nur noch einen kleinen privaten Patientenkreis. Isidor Fürst sei – so die Söhne - trotz seines hohen Alters in so guter körperlicher Verfassung gewesen, dass er mindestens bis 1939, als Hellmuth Fürst auswanderte, in der Konsultation und der Zahntechnik mitarbeiten konnte.

Walter Fürst konnte erst 1920 nach dem Militärdienst sein Abitur ablegen und schloss 1927 ein Chemiestudium mit dem Dr.rer.nat ab. Nach vierjähriger Tätigkeit in der Chemieindustrie nahm er 1931 ein Medizinstudium auf. Zwar legte er 1936 das Examen ab, erhielt aber als Jude weder eine Approbation noch wurde er zur Promotion zugelassen. 1939 wanderte er in die USA aus, konnte dort aber auch erst nach 1950 als Arzt arbeiten.

Sein Bruder Hans, von Beruf Kaufmann, war bereits 1937 nach Costa Rica emigriert. Rudolf Fürst blieb bei seinen Eltern in Hamburg. Er hatte nach dem Militärdienst eine Ausbildung zum Technischen Assistenten absolviert. Von 1929 bis 1933 arbeitete er als Laboratoriumsarbeiter im Reichsbahn-Ausbesserungswerk Glückstadt, das zur Werksabteilung Harburg gehörte. Sein Einkommen war gering, da er lediglich als "Arbeiter im Lohnverhältnis" eingestuft war. Seine Entlassung am 19. August 1933 erfolgte aufgrund des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums". Anschließend kam er als kaufmännischer Angestellter bei einer jüdischen Bank unter, bis diese "arisiert" wurde.

Rudolf Fürst war kränklich und bedurfte des besonderen Schutzes der Familie. Hinzu kam, dass er homosexuell veranlagt war, unter der NS-Herrschaft eine zusätzliche schwere Bürde.

Am 8. November 1941 wurde Rudolf Fürst nach Minsk deportiert. Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt. Auf einer Deportationsliste ist "Sara" hinter seinem Namen eingetragen, möglicherweise als böswilliger Hinweis auf seine Homosexualität. Gemeinsam mit Rudolf Fürst mussten die Untermieter der Fürsts, die dreiköpfige Familie Pincus, den Weg zur Sammelstelle für den Transport nach Minsk antreten. Im selben Haus wie Isidor Fürst wohnten seine Bergedorfer Kollegen Ellie und Ernst Tichauer. Auch sie wurden am 8. November nach Minsk deportiert (Stolperstein: Alte Holstenstraße 61).

Eine weitere Untermieterin der Familie Fürst, Hedwig Meier, geborene Ostwald, zog im Oktober 1941 in die Grindelallee 134 und wurde von dort am 6. Dezember nach Riga deportiert.

Hedwig und Isidor Fürst mussten die letzten Monate in Hamburg im "Judenhaus" in der Frickestraße 24 verbringen. Hier erhielten sie am 15. Juli 1942 den Deportationsbefehl nach Theresienstadt. Mit demselben Transport wurde auch sein Bruder Henry dorthin gebracht. Auf der Deportationsliste, die alphabetisch geführt wurde, steht sein Name zwischen denen von Hedwig und Isidor. Isidor Fürst soll noch Zahnarztinstrumente mitgenommen haben, um notfalls in Theresienstadt praktizieren zu können. Besonders wichtig waren ihm jedoch die Unterlagen seines Privatstudiums. Er war nämlich fest davon überzeugt, aufgrund intensiven Bibelstudiums und eigener Berechnungen die Lage des Moses-Grabes bestimmt zu haben. Seine Aufzeichnungen wollte er später der Universität Jerusalem übergeben.

Ganz offensichtlich waren die Fürsts wie viele ihrer Leidensgefährten auf die schönfärberische Aussage hereingefallen, Theresienstadt sei ein "ganz normales" Altersgetto, in das man sich einkaufte.

Erhalten ist die Mitteilung vom 26. Juli 1942 über ihre Deportation, die Hamburger Verwandte an die Söhne im Exil schickten: "Meine Lieben, Eltern abgereist. Lassen herzlich grüssen. Hoffen euch und Brüder wohlauf. Uns geht es gut. Herzlichste Grüsse und beste Wünsche …" Die Anzahl der Wörter auf den Vordrucken des Roten Kreuzes war strikt begrenzt, wobei die zentrale Information lediglich angedeutet werden konnte, damit die Post nicht der Zensur zum Opfer fiel.

Die Fürsts haben sich aus Theresienstadt nicht mehr gemeldet, obwohl das möglich gewesen wäre. Isidor Fürst starb am 19. Dezember 1942. Die Nachricht kam in Hamburg ein halbes Jahr später verschlüsselt an. Auf einer Postkarte hieß es. "…Die Witwe [!] Ihres verwandten Zahnarztes wohnt auch in L 425…" Die Karte war am 11. Juni 1943 geschrieben worden. Knapp sechs Wochen später, am 23. Juli 1943, starb auch Hedwig (Hedel) Fürst in Theresienstadt. Erst am 13. November 1944 konnten die Verwandten die wiederum verschlüsselte Nachricht an die Söhne weiterleiten: "Liebe Lotte, Walter, Dank für die Rotekreuz-Nachricht. Hedel ist mit Onkel Edi zusammen. Wir sind wohlauf. Innigste Grüße auch Hellmuth, Louise, Hans, Inge, Bert, Klaus."

Ein Gedicht, das Isidor Fürst verfasste, soll hier als sein Vermächtnis stehen:

Ahnenkult

Durch meine Seele geht ein Ahnen,

ein traumhaft mystisches Erleben,

ein Seelenaustausch mit den Manen

die gleich Gedanken mich umschweben,

die durch das Band der ew’gen Liebe

und an Erinnerung gebunden

aus unbegrenzten Weltgetriebe

den Weg zu mir zurückgefunden. –

Princeps (Isidor Fürst)

© Christa Fladhammer

Diese Biographie entstand im Rahmen des Projektes „Stolpersteine in Hamburg – biographische Spurensuche“ unter Leitung von Dr. Rita Bake (Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg) und Dr. Beate Meyer (Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Hamburg).