Else Kalischer, geb. Asch
* 16. Februar 1886 in Berlin
Sieglindestraße 1, Berlin-Schöneberg
Else Asch wurde am 11. Februar 1886 in Berlin als Tochter von Henriette und Max Asch geboren. Gemeinsam mit ihrem Bruder Walter wuchs sie in gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Die Hauptstadt des Kaiserreichs galt um die Jahrhundertwende als die am schnellsten wachsende Metropole Europas und beherbergte eine lebhafte Kunst- und Kulturszene. Die neu in der Stadt ankommenden Künstlerinnen und Künstler waren oft mittellos und auf die Unterstützung von Mäzenen angewiesen. Elses Vater Max Asch war seit jeher an Philosophie, Kunst und Literatur interessiert und unterstützte die jungen Kreativen, die es im ausgehenden 19. Jahrhundert nach Berlin zog. Unter ihnen war neben dem polnischen Dichter Stanisław Przybyszewski auch der norwegische Maler und Grafiker Edvard Munch. Der berühmte Expressionist porträtierte Dr. Max Asch 1895 in einer seiner Druckgrafiken. Ferner fertigte auch die Dichterin und Malerin Else Lasker-Schüler ein Porträt des Vaters an.
Elses Vater Max Asch war zudem aktives Mitglied der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft, aus der später verschiedene anthroposophische Strömungen hervorgingen. Die Theosophische Gesellschaft war Teil einer weltweiten Bewegung am Ende des 19. Jahrhunderts, die sich mit spirituellen Fragen auseinandersetzte. Max Asch war gut befreundet mit dem damaligen Vorsitzenden Rudolf Steiner, zu dem auch seine Tochter Else Kontakt hatte. Nach dem Tod ihres Vaters im März 1911 bat sie den Anthroposophen und Philosophen, eine Rede am väterlichen Grab zu halten.
Im künstlerisch-intellektuellen Umfeld des Vaters lernte Else Asch, die auch Mona genannt wurde, vermutlich ihren späteren Ehemann Fritz Kalischer (* 14. 12. 1881) kennen. 1912 heiratete sie ihn im Alter von 26 Jahren. Dr. Fritz Kalischer war Rechtsanwalt und seit 1912 Inhaber einer eigenen Kanzlei in der Potsdamer Straße 138 in Schöneberg. Zu seinen Klientinnen und Klienten zählte auch Else Lasker-Schüler. Die Kanzlei lief sehr gut, und das Paar lebte in wohlhabenden Verhältnissen. Die finanzielle Situation erlaubte es Fritz Kalischer, sich im November 1919 an dem Wiederaufbau der Großen Volksoper – dem heutigen Theater des Westens – in Charlottenburg zu beteiligen. Bei einem Brand 1912 war das Gebäude stark beschädigt worden. Zudem unterstützten die Kalischers den Berliner Zoo finanziell. Bis heute hat die Familie dort ein lebenslanges Besuchsrecht.
Else und Fritz Kalischer hatten vier Kinder. Am 16. Dezember 1912 kam ihr erster Sohn Peter Sigismund auf die Welt. Sein zweiter Vorname Sigismund rührte von der Bekanntschaft Fritz Kalischers mit Sigmund Freud her. Am 2. Juni 1914 wurde Emanuel Maximilijan geboren. 1921 und 1923 folgten die Söhne Clemens Amadeus (* 10. 2. 1921) und Thomas Friedrich (* 29. 1. 1923). Die Entwicklung ihrer Kinder hielt Else Kalischer in ihren Tagebüchern fest. Im Eintrag vom 8. Mai 1913 schrieb sie: »Nun gibt es also die erste Photographie von Peter! Und heute ist Peter wieder einen Schritt weiter gerückt: Er hat zum 1.x feste Nahrung bekommen, einen milden schönen Griesbrei, aus Wasser u. Milch, ein Stückchen Butter dran, ein paar Mohrrübchen hineingeschnitten. Peter war höchst erstaunt. Zuerst brüllte er u. spukte aus. Dann aber merkte er doch, daß es was Gut’s war u. sperrte sein Schnäbelchen […].«
In den 1920er-Jahren lebte sich das Ehepaar mehr und mehr auseinander. Fritz Kalischer verliebte sich in Marta Anna Enke (* 24. 4. 1904), das Kindermädchen der Söhne, woraufhin sich das Paar trennte. 1928 folgte die Scheidung. Die beiden ältesten Söhne lebten fortan bei Fritz Kalischer und dessen zweiter Ehefrau, die beiden jüngeren Söhne Clemens und Thomas blieben bei Else Kalischer.
Trotz der weiterhin guten Beziehung zu Fritz Kalischer und seiner finanzieller Unterstützung hatte Else Kalischer nach der Scheidung Mühe, ihr Auskommen zu bestreiten. Sie lebte mit den beiden Kindern bei Bekannten zur Untermiete und tat sich schwer, eine Arbeit zu finden. Zwar hat sie sich ihr Leben lang mit Philosophie, Literatur und Musik beschäftigt, war aber stets Hausfrau und Mutter geblieben. Wie ihr Vater vertrat auch Else Kalischer eine anthroposophische Weltanschauung. Ihren jüngsten Sohn Thomas schickte sie auf die erste, 1928 in Berlin gegründete Freie Schule, an der nach der Waldorfpädagogik unterrichtet wurde. Vor Kriegsbeginn emigrierten eine Gruppe jüdischer Kinder der Schule nach Dänemark. Als die Nationalsozialisten im April 1940 auch Dänemark besetzte, mussten die jüdischen Kinder erneut fliehen, sie fanden Zuflucht im britischen Wales. Thomas Kalischer blieb zunächst in Wales, nach Kriegsende zog er nach Leeds.
Else Kalischers ältestem Sohn Peter Sigismund war es bereits 1936 gelungen, Deutschland zu verlassen. Ebenso wie sein Vater hatte er an der Berliner Humboldt-Universität Jura studiert und nebenbei in dessen Kanzlei gearbeitet. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten hatten sie Berliner Jüdinnen und Juden, die Deutschland verlassen wollten, unterstützt und ihnen geholfen, ihren Besitz außer Landes zu bringen. Aufgrund der antisemitischen Gesetze war Peter Kalischer 1934 jedoch exmatrikuliert worden. Nachdem Fritz Kalischer bewusst geworden war, dass ihn die Gestapo beobachtete, hatte er seinem Sohn Peter zur Flucht nach Ungarn verholfen. Doch nach einiger Zeit war auch Ungarn kein sicherer Ort mehr, und Peter flüchtete nach Frankreich. Als die Deutschen auch Frankreich besetzten, verhalfen ihm die Kontakte seines Vaters zu einer Flucht nach Großbritannien.
Fritz Kalischer kam nach der Flucht seines Sohnes 1936 wegen angeblicher »Devisenvergehen« in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Seine guten Kontakte und das Beharren seiner »arischen« Frau Marta ermöglichten seine Freilassung vor Ausbruch des Krieges. Aus Angst, in Berlin erneut von den Nationalsozialisten verhaftet und verschleppt zu werden, lebte das Ehepaar ab 1942 in seinem Ferienhaus in Bad Schwarzbach im Dreiländereck zwischen Deutschland, Polen und Tschechien. Marta und Fritz Kalischer sowie ihre gemeinsame Tochter Astrid waren aber weiterhin in Berlin gemeldet. Marta Kalischer fuhr regelmäßig in die Stadt, um die Lebensmittelkarten zu verlängern und die Post abzuholen. Das Ferienhaus lag am Rande der Ortschaft, sodass sich Fritz bei herannahender SS oder Gestapo in den Wald hätte flüchten können. Zusätzlich war im Schonstein des Hauses ein Versteck für ihn eingerichtet. Nach Kriegsende kehrte Fritz Kalischer nach Berlin zurück und wurde wieder als Anwalt tätig.
Peter Sigismund Kalischer ließ sich nach seiner Ankunft in Großbritannien 1938 in Leeds nieder und wurde Mitglied der deutsch-englischen Gesellschaft, über die er seine spätere Ehefrau Marta Robertson kennenlernte. Ihr Vater half Peter, Arbeit für seine jüngeren Brüder Clemens und Maximilijan sowie seine Mutter Else Kalischer zu finden. Ein Beschäftigungsverhältnis im Ausland galt als Voraussetzung für die Erlaubnis, Deutschland zu verlassen. Clemens und Maximilijan Kalischer gelang auf diesem Weg im März 1939 die Emigration. Ihre Mutter Else Kalischer hingegen verblieb in Berlin. Ihrem Sohn Thomas Kalischer zufolge hatte sie kurz zuvor eine Anstellung als Kindermädchen bei einer englischen Familie gefunden und sich damit in Sicherheit gewähnt. Doch schon wenig später wurde sie zur Zwangsarbeit bei Osram verpflichtet, wo sie zehn Stunden täglich arbeiten musste. Ihr letztes Lebenszeichen ist ein Brief an ihren früheren Ehemann, datiert auf den 23. Oktober 1941, in dem sie schrieb:
»Mein Lieber Fritz –
Da alle Bekannten in allernächster Zeit einem ungewissen Schicksal entgegengehen u. vermutlich irgendwo im Dunkeln verschwinden werden, möchte ich Dir nun sagen, daß meine Kiste mit Büchern und Briefen der Kinder sich bei Prof. Past, Westend, Marienburger Allee 8 (Ruf 93.4330) befindet u. Dir, falls ich verschollen bin, zur Verfügung steht. Ich bin zwar zur Zeit im Arbeitseinsatz, arbeite 10 Stden tgl. bei Osram – so ist es möglich, dass ich noch eine kurze Weile in Berlin bleibe – aber unsere Wohnung hier muss in diesen Tagen geräumt werden. Es ist ein buntes Leben, das man jetzt führt! Wird man die Kinder noch mal Wiedersehen?? Von dieser Hoffnung allein nehme ich die Kraft, weiterzuleben! O, mein Thomas! Ich hätte so gern Martchen paar seidene Kleider, frisch gereinigt, gegeben – aber ich kann Euch nie erreichen! Seid Ihr noch in Schwarzbach? Leb’ wohl, Fritzchen!
Vielleicht sehen wir uns noch mal!
Gruß an Martchen und Astrid!
Mona«
Drei Wochen später wurde Else im Alter von 55 Jahre nach Minsk deportiert.
Ihre vier Söhne ließen sich in Leeds, im Norden Großbritanniens, nieder und gründeten eigene Familien. Die wenigen persönlichen Erinnerungsstücke Else Kalischers überließen sie ihren Kindern. In einem Gespräch mit Else Kalischers jüngstem Sohn Thomas im Februar 2011 war es möglich, an den Erinnerungen an seine Mutter teilzuhaben. Im Dezember desselben Jahres starb er im Alter von 88 Jahren.
Erstellt von Kristin Schneider