Zeitzeugenarchiv der Minsker Geschichtswerkstatt

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Solländer Rosa

Solländer Rosa

Gruppe 
Rassistisch Verfolgte (Jude/Jüdin)
Herkunftsland 
Deutschland
Geburtsort 
Köln
Beruf 
Gerber
Unterbringung/Inhaftierung 
Minsker Ghetto
Schicksal 
Todesumstände unbekannt
Berichtsart 
Familiengeschichte

Rosa Solländer, geb. Wulkan * 30. April 1902 in Köln

Naftali Solländer * 6. September 1903 in Tarnau/Galizien

Sonja Solländer * 13. April 1929 in Berlin

Prenzlauer Straße 17, Berlin-Mitte

Naftali Solländers Vater Hirsch Solländer betrieb in seiner Heimatstadt Tarnau im damaligen österreichisch-ungarischen Kronland Galizien eine Gerberei, die er von seinen Eltern geerbt hatte. Als der Betrieb zahlungsunfähig wurde, entschlossen Hirsch Solländer und seine Ehefrau Tina sich 1911, mit ihren fünf Kindern nach Berlin zu ziehen. Dort eröffneten sie einen Fischstand in der Zentral-Markthalle unweit des Alexanderplatzes. 1913 wurde Naftali Solländers jüngster Bruder in Berlin geboren. Naftali Solländers Eltern gehörten dem orthodoxen Judentum an. Sein Vater Hirsch Solländer gründete die Gemeinde »Tempel von Tarnowa«, die wie viele jüdische Gebetsräume in der Grenadierstraße in Berlin-Mitte Quartier bezog. Im März 1923 heirateten Naftali Solländer und Rosa Wulkan in Berlin. Gemeinsam mit ihren drei Töchtern: Hannah (* 1923), Miriam (* 1926) und Sonja (* 1929) lebten sie in der Prenzlauer Straße 17. Naftali Solländer verdiente den Lebensunterhalt der Familie als Kürschner (Pelzer). Er hatte seine polnische Staatsangehörigkeit zugunsten der Einbürgerung in das Deutsche Reich aufgegeben. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 setzte die schrittweise Entrechtung der jüdischen Bevölkerung ein. Naftali Solländer wurde die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt, fortan war er staatenlos. Naftali Solländers Mutter Tina Solländer, die den Fischstand nach dem Tod ihres Ehemannes allein weiterführte, wurde 1937 von den Nationalsozialisten gezwungen, ihren Stand in der Zentral-Markthalle aufzugeben. Anfang 1938 musste sie den daraufhin eröffneten Stand in der Markthalle Keibelstraße schließen. Nach dem Pogrom am 9. November 1938, bei dem reichsweit Wohnungen, Geschäfte und Synagogen zerstört und geplündert wurden, stieg die Auswanderungsrate von Jüdinnen und Juden deutlich an. Vermutlich beschlossen auch Naftali und Rosa Solländer in dieser Zeit die Emigration ihrer beiden älteren Töchter nach Palästina. Die dortigen schlechten Berufsaussichten hielten das Ehepaar davon ab, Deutschland mit ihrer jüngsten Tochter ebenfalls zu verlassen. Sie glaubten nicht, dass es für Naftali Solländer als Pelzer in einem heißen Land wie Palästina Arbeit gäbe. Naftali und Rosa Solländers Tochter Miriam verließ Berlin im Dezember 1939 an ihrem 13. Geburtstag. Mit der Kinder-Alijah reiste sie mit dem Zug nach Triest und weiter mit dem Dampfer »Galilea« nach Palästina. Dort lebte sie zunächst bei ihren Großeltern mütterlicherseits, Meier und Simcha Wulkan, die ebenfalls aus Berlin geflohen waren. Ihre ältere Schwester Hannah Solländer verließ Berlin im August 1940 mit einem »illegalen« Transport. Ohne die nötigen Visa machte sich Hannah Solländer gemeinsam mit anderen auf den Weg nach Palästina. Eine Augenzeugin berichtete später: »Auf unserer Fahrt hatten wir ein erschütterndes Erlebnis, als uns ein anderer Transport von Illegalen begegnete, der von keinem Land aufgenommen wurde und auf der Donau von Grenze zu Grenze fuhr.« Als ihr Schiff schließlich Haifa an der Küste Palästinas erreichte, wurden alle Flüchtlinge von der britischen Mandatsregierung auf das Gefängnisschiff »Patria« umquartiert, das sie auf die Insel Mauritius im indischen Ozean bringen sollte. Um der geplanten Abschiebung zu entgehen, schmuggelte die jüdische Widerstandsgruppe Haganah Sprengstoff an Bord, mit dem das Schiff seeuntüchtig gemacht werden sollte. Die Menge des Sprengstoffs war jedoch falsch berechnet, und nach dessen Entzündung begann die »Patria« zu sinken. Über 200 Menschen starben. Zusammen mit anderen Überlebenden wurde Hannah Solländer in das Gefängnislager Atlit nahe Haifa gebracht, aus dem sie erst im Juni 1941 entlassen wurde. Den Rot-Kreuz-Brief ihrer Eltern aus Berlin beantwortete Hannah Solländer am 16. November 1941. An diesem Tag befanden sich Naftali, Rosa und die zwölfjährige Sonja Solländer bereits im Zug, der sie in das Ghetto von Minsk brachte. Die Umstände ihres Todes sind nicht bekannt. Nach Hannah Solländers Freilassung aus Atlit traf sie ihre Schwester Miriam Solländer in Palästina wieder. In den folgenden Jahren gründeten beide Familien, die Schwestern lebten bis zu ihrem Tod in Israel. Hannah Solländers nach ihrem Vater benannter Sohn Naftali stellte alle hier gezeigten Familienfotos sowie persönliche Aufzeichnungen für dieses Gedenkbuch zur Verfügung.

Erstellt von Martina Berner